Jazzkolumne: „Die Heilkraft des Universums“ Neues von Esperanza Spalding, Amanda Whiting, Brandee Younger und Angel Bat Dawid.

Der Satz „Musik ist die Heilkraft des Universums“ stammt immerhin von einem der radikalsten Radikalen in der Geschichte des Jazz – Albert Ayler, der sein letztes Studioalbum so betitelte. Von Andrian Kreye.

So hört sich Esperanza Spalding nach dem Black-Lives-Matter- und Seuchenjahr 2020 schon mal ganz anders an. Weil die Spiritualität im Jazz damals wie heute keine luxusgelangweilte Sinnsuche, sondern eine Tiefenschürfung in den Schwungkräften der Katharsis ist. Die neue Webseite der Bassistin Esperanza Spalding heißt übersetzt Songschreiberinnenapothekenlabor (songwrightsapothecarylab.com). 

“If one of my friends is ill, I’d like to play a certain song and he will be cured’ -John Coltrane

Was die englische Harfenistin Amanda Whiting so interessant macht, die vergangenes Jahr als überraschend brillante Sparringspartnerin des Saxofonisten und Flötisten Chip Wickham auf dessen Album „Blue and Red“ auftauchte. Auf ihrem ersten vollen Album für ein richtiges Label „After Dark“ (Jazzman) findet sie im Trio (mit ein paar Gastbeiträgen von Wickham an der Flöte) Wege, ihr so notorisch ätherisches Instrument in Jazz-Grooves zu erden.


Musikalisch und auch mit ihrer Karriere schon etwas weiter ist die New Yorker Harfenistin Brandee Younger. Die spielte viel mit Alice und John Coltranes Sohn Ravi und arbeitet im Studio für Popstars und Rapper. Und wagt sich auf ihrem neuen, inzwischen siebten Album „Force Majeure“ (International Anthem) mit dem Bassisten Dezron Douglas in ein reines Duo. Das funktioniert gerade deswegen so gut, weil sich Harfe und Kontrabass im Klangbild wunderbar ergänzen. Das Album entstand aus den Pandemie-Streams der beiden und wirkt ähnlich spontan. Sie spielen vor allem Coverversionen. Von Pharoah Sanders, John und Alice Coltrane, den Stylistics, Kate Bush und Sting. Alles sehr hip in seinem Minimalismus und der ganz unironischen Beschäftigung mit Songs, die sich mehr als bewährt haben.


Jihye Lee veröffentlicht mit „Daring Mind“ (Pias) beispielsweise schon ihr zweites Orchester-Album als Komponistin. Warum sie so gefeiert wird, erschließt sich auf dem Album rasch. Es schöpft den Klangkörper der Big Band mit allen Mitteln des Modern Jazz aus, ohne sich auf Gefälligkeiten einzulassen. Wie Blech- und Holzbläser, Klavier und Rhythmus ineinander verschränkt werden, ist in sich so stimmig, dass einem erst spät auffällt, wie wenig Raum für Improvisation bleibt.


Bei einer ganzen Kolumne voll Wohlklang sollte man allerdings nicht vergessen, dass der Jazz immer noch Ventil für Wut und Verzweiflung sein kann. Die Klarinettistin und Sängerin Angel Bat Dawid macht gar keinen Hehl aus ihrer politischen Haltung. Die Songtitel sprechen für sich: „What shall I tell my children who are black“, „We hereby declare the African look“, „HELL“. Was auf ihrem Album „Oracle“ noch in klare Grooves und Klangbilder gebettet war, bricht sich auf ihrem neuen Album „Live“ (International Anthem) mit einer Wucht Bahn, die keine Komfortzonen freilässt. Aufgenommen auf dem Jazzfest Berlin 2019 mit ihrer Band Tha Brotherhood ist es der Beleg dafür, dass freier Jazz Emotionen nicht nur abstrahieren, sondern in aller Rohheit so verstärken kann, wie man es sonst aus dem Soul oder dem Punk kennt.

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