Jazzfest Berlin 2018 / jaimie branch /Tania Giannouli Trio / Art Ensemble of Chicago / WDR Big Band feat. Jazzmeia Horn / Jason Moran – The Harlem Hellfighters

Hier ist die 1. Zusammenstellung der ersten beiden Tage auf der großen Konzertbühne. Leider sind  nicht alle Konzerte vollständig gesendet worden. Das Tania Giannouli Trio in einen gut 20 Minuten Ausschnitt und das Art Ensemble wurde dann gegen Ende ausgeblendet. Alle anderen sind komplett. Die Konzerte des letzten Abends folgen.

 

Link zu den Dateien / Alles in Flac

 

jaimie branch: Fly or Die

JAIMIE BRANCH trumpet
CHAD TAYLOR drums, mbira
JASON AJEMIAN bass
LESTER ST. LOUIS cello

Die Trompeterin Jaimie Branch (*1984) mit Chicagoer Wurzeln und derzeitigem Ankerplatz Brooklyn ist eine weitere starke Stimme im kometenhaften Kommen, der für ihren ersten Auftritt in Deutschland das Jazzfest Berlin die große Bühne bereitet. Ihr letztjähriges kurz und bündiges Debüt bei dem jungen Chicagoer Label International Anthem schlug ein wie ein Präzisionsgeschoß und brachte reichlich Podien zum Beben und Schweben. In der New York Times und bei National Public Radio fand sich ihr Album in der Liste des Jahres 2017 unter den ersten Fünf. Nach zwei Takten ihrer Gruppe Fly or Die weiß man, wo der Hammer hängt. Die ungewöhnliche Besetzung von Jason Ajamians Bass, Lester St. Louis’ Cello und Chad Taylors Schlagzeug erzeugt eine klare mitreißende Rhythmik in einem atmenden Fluss psychedelischer Texturen. So operiert sie in ungewöhnlich kompakter Weise innen und außen zugleich und es entstehen – oft graffitihaft kurz – existenziell geladene urbane Weckrufe. Starke Expression, eine kraftvolle Stimme und eine klare Handschrift prägen das Songwriting dieser Ausnahmetrompeterin. Fly or Die liefert substanzielle Klänge, die unter die Haut gehen. Keine Ufos, dafür Echos jäher Lichtblitze entlang kalter Hochhausschluchten.

 

Tania Giannouli Trio

TANIA GIANNOULI piano
ANDREAS POLYZOGOPOULOS trumpet
KYRIAKOS TAPAKIS oud

Mit ihren acht veröffentlichten Alben markiert die griechische (Film-)Komponistin und Pianistin Tania Giannouli (1977) aus Athen einen bemerkenswerten Aktionsradius. 2012 debütierte sie beim neuseeländischen Label Rattle Records in einem Duo mit dem portugiesischen Saxofonisten Paulo Chagas. Ihren internationalen Durchbruch feierte sie mit Transcendence, einem exzellent besetzten kammermusikalischen Quintett. Hohe Wellen schlug auch das unlängst erschienene Werk „Rewa“: gänzlich improvisierte Musik zusammen mit dem neuseeländischen Maori-Musiker Rob Thorne und subtiler Elektronik von Steve Garden.
In ihrem Berlin-Debüt stellt sich Tania Giannouli mit einem brandneuen Trio in ungewöhnlicher Besetzung vor: Piano, Trompete und Ud, eine byzantinisch gefärbte, durch und durch okzidental-orientalische Klangkonstellation, die das Changieren von Temperaturen und Temperamenten in ihrer Musik bestens zur Geltung bringt. Andreas Polyzogopoulos (
1981), derzeit Griechenlands führender Jazztrompeter, bildet das Bindeglied zwischen Giannoulis Piano und Ud-Spieler Kyriakos Tapakis (*1977), auch bekannt aus seiner Arbeit mit Lyraspieler Sokratis Sinopoulos und Bassist Dine Doneff (beide ECM).

 

Art Ensemble of Chicago

ROSCOE MITCHELL saxophones, flute
HUGH RAGIN trumpets
FAMOUDOU DON MOYE drums, congas, percussion
DUDÙ KOUATE african percussion
JEAN COOK violin
TOMEKA REID cello
SILVIA BOLOGNESI bass
JARIBU SHAHID double bass
CHRISTINA WHEELER voice, array mbira, auto harp, q-chord, theremin, sampler, electronics

Das Art Ensemble of Chicago steht für „Great Black Music – Ancient to the Future“, wie Lincoln T. Beauchamp, aka Chicago Beau, es auf den Punkt bringt. Im Feld kreativer, unablässig sich entwickelnder Musik der letzten fünf Jahrzehnte ist es ein Unikum und leuchtendes Vorbild mit reicher Geschichte (dokumentiert auf 30 Alben). Dies gilt für seine klanglich-bildliche Ei(ge)nheit und Wirkungskraft genauso wie für das besondere produktive Gemeinschaftsklima, das es die ganze Zeit lang getragen hat. Von der Urbesetzung – noch in vollem Ornat 1991 auf dem Jazzfest Berlin zu erleben – sind Trompeter Lester Bowie und Bassist Malachi Favors Maghostut verstorben, während der ‚Schamane‘ Joseph Jarman inzwischen als buddhistischer Priester und Aikido-Meister waltet. Die Verbliebenen – der außergewöhnliche musikalische Geist und unermüdliche Macher und Multiinstrumentalist Roscoe Mitchell und Schlagzeuger Famoudou Don Moye – bilden einen Kern, um den sich nun eng liierte Musikerinnen scharen. Das AEC hat sich, geleitet von der eigenen Lust des Explorierens, immer frei durch ein offenes Kontinuum von Genres bewegt. In einer klanglichen Gesamtlandschaft mit verschlungenen Pfaden und breiteren Wegen hat es im Spiel unermüdlich sowohl den eigenen Horizont als auch den seiner Zuhörerinnen erweitert. In Berlin geht die Reise zu neunt weiter.

WDR Big Band feat. Jazzmeia Horn

BOB MINTZER Leitung, Arrangements
JAZZMEIA HORN vocals
JOHAN HÖRLEN alto saxophone
KAROLINA STRASSMAYER alto saxophone
OLIVIER PETERS tenor saxophone
PAUL HELLER tenor saxophone
JENS NEUFANG bass saxophone
LUDWIG NUSS trombone
ALISTAIR DUNCAN trombone
MATTIS CEDERBERG bass trombone
ANDY HUNTER trombone
WIM BOTH trumpet
RUUD BREULS trumpet
ROB BRUYNEN trumpet
ANDY HADERER trumpet
JASPAR SOFFERS piano
JOHN GOLDSBY bass
PAUL SHIGIHARA guitar
HANS DEKKER drums

Zur klassischen Radiokultur Deutschlands gehören leuchtende hauseigene Orchester und Big Bands. Sie haben wie die WDR Big Band auf ihrem Weg Marken gesetzt und die Klangfarben unterschiedlichster Gastmusikerinnen vergrößert, verfeinert und farbenreich in die Welt getragen. Was könnte schöner sein als eine junge, tief in der afroamerikanischen Tradition wurzelnde Stimme wie die Jazzmeia Horns (1992), die Klassiker aus Jazz und Soul mit Leben füllt, getragen von einem profunden, schwelgenden Klangkörper wie dem der WDR Big Band.Wie sie auf ihrem letztjährigen Debütalbum „A Social Call“ spirituell und mit Dringlichkeit zwei Pfeiler afroamerikanischer Musik, „Afro Blue“ und „Wade In the Water“, aufbricht und in afrofuturistischem Sinne miteinander verbindet, setzt wirkungsmächtig Maßstäbe. Jazzmeia Horn ist eine neue, hochdynamische und virtuose Stimme aus Dallas/Texas, die sich kreativ aller bekannter Stilmittel – einschließlich griffiger Scats – bedient und mit frischer Direktheit aufbricht. Und wichtige Preise, u. a. aus dem Wettbewerb des Thelonious Monk Institute of Jazz, hat sie auch in der Tasche. Ready for Berlin.

Jason Moran – The Harlem Hellfighters

JASON MORANJOHN AKOMFRAH & BRADFORD YOUNG
IFE OGUNJOBI trumpet
JOE BRISTOW trombone
ANDY GRAPPY tuba
HANNA MUBYA tuba
MEBRAKH JOHNSON saxophone, clarinet
KAIDI AKINNIBI saxophone, clarinet
ALAM NATHAN saxophone, clarinet
mit BANDWAGON’S 
JASON MORAN piano
TARUS MATEEN bass
NASHEET WAITS drums

Das transatlantische Auftrags- und Koproduktionswerk zu Ehren des Pioniers, afroamerikanischen Musikers und Soldaten James Reese Europe, das der Pianist Jason Moran und der Filmemacher Bradford Young anlässlich des 100-jährigen Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs gestalten, richtet den Blick auf das Leben des Visionärs und die Entwicklung der afroamerikanischen Musik in den USA und Europa zu Anfang des 20. Jahrhunderts. In diesem Rahmen spielt Jason Moran ein spezielles James-Reese-Europe-Programm mit seinem bekannten Bandwagon Trio und sechs britischen Nachwuchsmusikerinnen im Gefolge von Shabaka Hutchings und Nubya Garcia sowie 15 jungen Berliner Musikerinnen.
Das Regiment 369, die Harlem Hellfighters, war eine Freiwilligentruppe afro-amerikanischer Soldaten, zusammengestellt kurz nach Kriegseintritt der USA in den 1. Weltkrieg im April 1917. Die US-Armee war zu jener Zeit strikt segregiert, weswegen Afroamerikaner nicht für den Kampfeinsatz vorgesehen waren. Die Harlem Hellfighters kamen schließlich als Teil der französischen Streitkräfte doch an die Front. Sie zeichneten sich durch besondere Entschlossenheit und Tapferkeit aus, sowohl in ihrem Einsatz im Militärdienst als auch im Kampf um ihre Bürgerrechte und die Anerkennung ihres originären kulturellen Beitrags in der Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Für ihren Einsatz an der militärischen Front wurde ihnen das französische Croix de Guerre verliehen. Hauptfigur des Regiments 369 war der Musiker James Reese Europe (1880–1919), der schon 1910 in New York den Clef Club gründete, eine Organisation für afroamerikanische Musiker. Um ihn sammelte sich die 369er-Truppe, aus der er als erfahrener Orchesterleiter eine erfolgreiche Militärkapelle formte, die nach Ankunft in Brest/Frankreich in einer Vielzahl von Konzerten Bevölkerung und Soldaten begeisterte. Sie hinterließ mit ihren synkopierten Fassungen bekannter Stücke – wie etwa der Marseillaise – tiefe Spuren in der europäischen Musik.

Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.