Kann man eine Institution wie das Jazzfest Berlin neu erfinden? Und ob! Man braucht dazu nur Klangereignisse. Stille etwa. Und Topfreiniger!

Von Christian Broecking

Eines war schon im Vorfeld klar: Seit den Gründertagen in den Sechzigerjahren hat sich das Jazzfest Berlin selten so offen, so kosmopolitisch und vor allem so experimentell gezeigt wie bei der Eröffnung in diesem Jahr. Nicht zuletzt, weil der neue Festivalleiter Richard Williams Mut und Wille zum Risiko hat.

Erstes Beispiel: Nach vier Tagen intensiver Proben und Aufnahmen voller Diskussionen nahm das 24-köpfige Splitter Orchestra den amerikanischen Komponisten George Lewis als Gastdirigenten auf. Der freute sich. Fünf neue Kompositionen hat Lewis allein in diesem Jahr zur Aufführung gebracht. Mit „Creative Construction SetTM“ hatte ein weiteres Großwerk beim Jazzfest Weltpremiere. Für „Creative Construction SetTM“ hatte Lewis 32 Anweisungen ausdrucken lassen. Der 63-Jährige unterrichtet als leitender Professor für Komposition an der New Yorker Columbia University. Hier in Berlin verstand er sich nicht als Chef. Bei der Festivaleröffnung im Haus der Berliner Festspiele saß er mitten im Ensemble und rief von seinem Laptop Geräusche, Samples und Klänge ab. Nur selten setzte er noch sein einstiges Hauptinstrument ein, die Posaune….

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© Süddeutsche Zeitung, 10.11.2015