Hörspiel: „Zimmerstunde“ Von Marlene Streeruwitz

Die Autorin notiert: „Am Ende ergeben die vielen Stimmen meines Stückes eine einzige Person. Denn heute regieren die Räume in dem, was und wie gesprochen wird. Arbeit, Leben, Liebe und Trauer sind streng getrennt auf einzelne Räume aufgeteilt.

In sich getrennt muss die neoliberale Person der Dienstleistungsgesellschaft in diesen Räumen entsprechend funktionieren. Der Sprechakt der Frau wird dort zurechtgeschneidert und bestimmt das Sprechen, nach dem die erzwungene Verwirtschaftlichung des eigenen Schicksals erledigt werden muss. Mein Hörspiel überträgt den gesellschaftlichen Vorgang der Festsetzung der Person in sich selbst auf die Technik. So arbeiten sich ‚die Stimmen‘ der Person in jedem einzelnen Raum zur Erkenntnis voran, dass es im ganzen Leben nur darum ging, sich selbst zu verkaufen. Auch in der Liebe muss die Person sich eingestehen, dass das nicht anders war. Die Liebeleien der Zimmerstunden stehen für diesen Vorgang des alles erfassenden Selbstverkaufs, der belohnungslos nur mehr das Überleben sichern kann. Am Ende sind die einzelnen Raumtextkonstruktionen zu einem Hörpanorama aufgebreitet, in dem die Person aber dann doch einen Augenblick lang zu einem ungeteilten Selbst in einem dafür hergestellten Raum finden kann. Die radiophone Technik wird so zur subversiven Helferin einer Subjektwerdung. Die neoliberale Domestizierung der Person wird für einen Augenblick mit Hilfe der Technik überwunden.“

 

https://avdlswr-a.akamaihd.net/swr/swr2/hoerspiel/podcast/2018/12/swr2-hoerspiel-studio-20181220-2203-zimmerstunde.l.mp3

 

„Zimmerstunde“ Von Marlene Streeruwitz

Mit: Heidi Ecks, Kathrin Hildebrand, Caroline Junghanns, Hedi Kriegeskotte und Christiane Roßbach
Musik und Komposition: Martina Eisenreich
Regie: Bernadette Sonnenbichler
(Produktion: SWR 2018)

Marlene Streeruwitz, geboren in Baden bei Wien, zählt mit ihren ausdrücklich als feministisch ausgewiesenen Dramen und Erzählwerken zu den wichtigsten österreichischen Autoren. Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Bremer Literaturpreis (2012) und den Franz-Nabl-Preis (2015). Hin und wieder schreibt sie Original-Hörspiele.

© SWR 2, Hörspiel, 20.12.2018

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