Ursprünglich war diese Schallplattensammlung Teil des Reeducation Programms der USA. Nachdem am 30. April 1945 die US-Armee München befreit hatte, wurde in München die weltweit erste amerikanische Bibliothek mit der Zielsetzung der Reeducation eröffnet. Schon bald umfasste das Angebot eine Bibliothek mit 36.000 Bänden, Zeitschriftensaal und Kinderbücherei, eine Schallplatten- und Filmabteilung, Vortrags- und Unterrichtsräume sowie einen Konzertsaal und Ausstellungsflächen. Etwa 80.000 Menschen nutzten monatlich die Angebote des Amerikahauses.

Where the West Begins…

Ausgangspunkt für „Music from a Frontier Town“ ist die 1.630 Schallplatten umfassende Sammlung des Amerikahauses München, die im Archiv des Kulturinstituts am Karolinenplatz liegt. Beim Sichten dieser Sammlung fand sich die ungespielte Aufnahme von Don Gillis‘ Tondichtung „Portrait of a Frontier Town“, deren zweiter Satz „Where the West Begins“ heißt. Gillis, Komponist und Radioproduzent, verwendete für seine Programmmusik die Stile und Genres der 40er Jahre, um die zeitgenössische amerikanische Kultur zu interpretieren. Anknüpfend an Gillis‘ musikalisches Narrativ, das den Westen, in seinem Fall Texas, beschreibt, soll unter der Appropriation klanglicher Elemente aus dieser vielfältigen Tonträgersammlung der Reeducation Ära eine aktualisierte Klangcollage erstellt werden. Welches zeitgenössische Bild lässt sich mit diesem historischen, zur kulturellen Erziehungsmaßnahme bestimmten Klangmaterial heute herstellen?

Propagandainstrument im Kalten Krieg

Diese Aktivitäten wurden von der USIA, der United States Information Agency, einer Behörde gegründet als Instrument des Kalten Krieges, finanziert. Die zentrale Aufgabe der Amerikahäuser in Westdeutschland war neben der Repräsentation der USA, die Demokratisierung und Umerziehung der Nachkriegsbevölkerung durch Entnazifizierung und Erziehung. Auch den Massenmedien wurde eine wichtige Rolle bei der Reeducation zugeteilt. So zeigt das heutige Pressewesen, insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk, bis heute Strukturen, die ihnen damals gegeben wurden. Mit dem Beginn des Kalten Krieges können allerdings viele der reeducativen Maßnahmen auch als Propagandainstrumente in der programmatischen Überblendung von Demokratie und Wirtschaftspolitik zur Festigung der transatlantischen Beziehungen gegen den Kommunistischen Block interpretiert werden.

Hörspiel und Medienkunst

Neben dem Hörspiel „Music from a Frontier Town“ realisierte Michaela Melián im Rahmen des Kunstprojektes „Public Art Munich“ der Stadt München eine gleichnamige 24-stündige Musikinstallation am 4./5. Mai 2018 in der Garage des Amerikahauses am Karolinenplatz, in der die Besucher selbst Schallplatten aus der umfangreichen Sammlung auflegen konnten. Im Rahmen des DOK.fest München 2018 wurde das Hörspiel mit Abbildungen der Schallplatten-Cover im Kinosaal als Weltpremiere vorgeführt. Zur Radio-Ursendung auf Bayern 2 steht das Hörspiel auch als Podcast im Hörspiel Pool zur Verfügung und wird mit der Bildspur in der Mediathek präsentiert.

Link zum Hörspiel

Hörspiel – Kinofassung !

Music from a Frontier Town
Von Michaela Melián
Realisation: Michaela Melián
BR/Public Art Munich 2018
Ursendung

Michaela Melián, geb. 1956, lebt in München und Hamburg. Künstlerin und Musikerin. 1980 Mitbegründerin der Band „F.S.K.“. Hörspiele u.a. „Föhrenwald“ (BR / kunstraum muenchen 2005, Hörspielpreis der Kriegsblinden, Deutscher Hörspielpreis der ARD, ARD Online Award), „Speicher“ (BR 2008, Hörspiel des Jahres), „IN A MIST“ (BR 2014), „Electric Ladyland“ (BR 2016).

© Bayern 2, hör!spiel!art.mix, 29.6.2018 Zeichnung: Michaela Melián

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