Berlin 1911: Die liberale und frivole Weimarer Republik ist noch fern, die Kaiser Wilhelm-Zeit des wirtschaftlich erstarkenden Deutschlands läuft auf Hochtouren. Aber es gibt einen Ort, dessen expressionistische Bewohner Widerstand leisten: das legendäre „Café des Westens“ in der Nähe der Gedächtniskirche.

Als Thomas Mann es einmal betrat und die anwesende Bohème erblickte, soll ihm angesichts der zahlreichen Kolleginnen und Kollegen der schreibenden und malenden Zunft entschlüpft sein: „Wann arbeiten diese Leute eigentlich?“

Nun, sie schwätzten durcheinander, lebten sich in wechselnden erotischen Konstellationen aus – und machten daraus Literatur.

Mit großer Offenheit wie formaler Strenge schreibt eine Dichterin an ihren im Urlaub weilenden Ehemann Briefe, in denen sie von diesem überbordenden, lebenshungrigen Treiben und ihren eigenen wechselnden Liebschaften zu drei anderen Männern berichtet.

Der Briefroman „Mein Herz“, 1912 erschienen, wurde vielfach als Schlüsselroman der Berliner Moderne gelesen, ist aber ein virtuoses Vexierspiel zwischen Realität und Fantasie über männlichen wie weiblichen Lebenshunger.

„Mein Herz“ Nach dem gleichnamigen Briefroman mit lebenden Menschen von Else Lasker-Schüler

Mit: Cathlen Gawlich, Peter Matic u. a.
Musik: Michael Rodach
Hörspielbearbeitung und Regie: Regine Ahrem
(Produktion: rbb 2015)

Else Lasker-Schüler (1869 – 1945) wurde als Tochter eines jüdischen Bankiers und Architekten in der gleichen Stadt wie Friedrich Engels geboren, im heutigen Wuppertaler Stadtteil Elberfeld, und lebte ab 1894 in Berlin. 1933 musste sie ins Schweizer Exil gehen und starb am 22. Januar 1945 in bescheidenen Verhältnissen in Jerusalem. Sie gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen der klassischen Moderne, schrieb Prosa und mit „Die Wupper“ ein Drama.

© SWR 2, Hörspiel, 16.1.2020

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