Als er im Garten des Landhauses von Freunden in der Nähe von Lissabon, im gleißenden Sonnenlicht, mit einem Buch unter dem Maulbeerbaum sitzt – hat der Ich-Erzähler da einen Traum oder eine Halluzination? Er glaubt sich mit einem bedeutenden Dichter verabredet, der jedoch bereits tot ist.

Dieser Dichter ist, wie in fast allen Romanen des Italieners Antonio Tabucchi, die in Lissabon spielen, der große portugiesische Poet Fernando Pessoa. Pessoa selbst war ein Meister der Verstellung, der Maskierung des eigenen Ichs und manifestiert das in all seinen Werken. Der Zwang zur Verschleierung durchzieht auch die eigene Biografie. Was Wunder, hält man sich die Bedeutung seines Namens vor Augen: Pessoa heißt auf Portugiesisch „Person“. „Person“ aber ist das altgriechische Wort für „Maske“. Antonio Tabucchi greift dieses Phänomen auf, ohne es zur literarischen Technik degradieren zu lassen. Verstellung ist Verwandlung und Verzauberung zugleich, auf skurrile Weise eine Eloge auf Pessoa, ein subtiles und doch opulentes Bekenntnis zu mediterranem Lebensgefühl. Ein wunderbar gauklerisches, schwebend ironisches Traumspiel.

Lissaboner Requiem – Antonio Tabucchi 

Vorlage: Lissabonner Requiem (Roman)
Sprache der Vorlage: italienisch
Übersetzung: Karin Fleischanderl
Bearbeitung (Wort): Fabian von Freier
Technische Realisierung: Jürgen Glosemeyer; Anne Effertz
Regieassistenz: Ulrike Weck
Regie: Fabian von Freier

Antonio Tabucchi, geboren 1943 in Genua und derzeit Professor an der Universität Siena, war jahrelang Leiter des Italienisches Kulturinstituts in Lissabon. Außerdem ist er Herausgeber des Werkes von Pessoa in italienischer Übersetzung. Bereits in „Indisches Nachtstück“ („Notturno Indiano“, 1984), das der WDR 1998 gesendet hat, thematisiert Tabucchi das Phänomen der Identitätsverschiebung unter Verwendung von mythischen Erzählmotiven.Tabucchis erzählerisches Talent ist jedoch bei aller Komplexität der Strukturen Garant für Anregung und Unterhaltung im allerbesten Sinne.

© Westdeutscher Rundfunk 2000, Erstsendung: 25.06.2000 | 79’57 // © private archive of Winfried Noack

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