Anlässlich des Todes von Norbert Schaeffer, einem der prägendsten Hörspielregisseure und -bearbeiter, ändern wir unser Hörspielprogramm und senden seine Produktion „Ein Schwarm Regenbrachvögel“ nach dem Roman von Maarten t’Hart.

„Lieber hart geschnitten, als weich geblendet“ war eine seiner zentralen Maximen und beschreibt ein wenig flapsig, tatsächlich eine seiner herausragenden Qualitäten, die der Montage. Stimmen in akustischer Großaufnahme, dass man beim Hören glaubt, gleichsam in die Köpfe der Protagonisten zu schlüpfen und Geräusche die unter seiner Hand und Gestaltung eine eigenständige poetologische Erzählung wurden, dazu Musik, die durch Schnitt und Montage ebenfalls zu einer zusätzlichen Erzählstimme wird und nicht bloß „emotionaler Kleister“ bleibt, wie bei einem klassischen Underscoring.

Norbert Schaeffer gelang es dem eigentlich bestenfalls zweidimensionalen Stereopanorama eine dritte Dimension hinzuzufügen, die der Tiefe. In seinen minutiösen Mischanweisungen für seine künstlerisch-technischen Arbeitspartnern im Schnitt und am Mischpult, gab er nicht nur dezidierte Panaromapositionen im Stereobild von ganz links, bis ganz rechts an, sondern auch eine sowohl dramaturgisch, wie ästhetisch genau kalkulierte Tiefenstafflung. Norbert Schaeffer hat in seinen Hörspielen, ganz explizit Räume kreiert, die nur im Hörspiel entstehen können.

Damit und mit seiner ansteckenden allumfassenden Begeisterung für das Medium, hat er Generationen nachfolgender Hörspielschaffender inspiriert und beeinflusst. Am vergangenen Dienstag, dem 21. April ist unsere geschätzter Kollege einer schweren Erkrankung erlegen. Die Hörspielabteilung des hessischen Rundfunks verdankt ihm seit 1983 über 50 besondere, vielfach ausgezeichnete, großartige Hörspiele. Aus diesem Kanon, senden wir in seinem Angedenken Maarten t ’Harts „Ein Schwarm Regenbrachvögel“, eine Produktion, die vieles seiner besonderen Kunst ganz idealtypisch vorstellt.

Ein Schwarm Regenbrachvögel
In diesem frühen Werk des niederländischen Autors sind bereits all seine späteren Themen in ungleich radikalerer und elementarerer Weise enthalten: die geistige Enge der Provinz, streng calvinistischer Glaubensfanatismus, die Entbehrungen der Nachkriegszeit, das schon in früher Kindheit erfahrene Gefühl von Einsamkeit und Isolation, unerwiderte Liebesbemühungen, schließlich die leidenschaftliche Liebe zur Musik.
Der 30jährige Maarten, inzwischen ein erfolgreicher Wissenschaftler und Professor für Gewebezüchtung, wächst auf in der Abgeschiedenheit des niederländischen Reetlandes; ohne Geschwister und Spielkameraden, mit einem fast stummen Vater, ist die Mutter seine einzige Bezugsperson. Sie liebt er, bis auch sie bei einem der seltenen Stadtbesuche einen ihn traumatisierenden Verrat begeht.
Von seinen Mitschülern und seiner heimlichen Liebe Martha abgelehnt, bleibt Maarten zeitlebens anderen Menschen gegenüber fremd – er ist dem Wahnsinn nahe. Als er bei der Hochzeit seines besten Freundes Marthas jüngere Schwester, eine Biologin, kennenlernt, vereinbart er mit ihr ein Rendezvous. Es ist das erste Mal, dass er sich mit einem Mädchen verabredet. Doch kurz darauf ergibt sich für ihn die Möglichkeit, seine Jugendliebe Martha wiederzusehen …
In eindringlichen akustischen Rückblicken auf seine Kindheit und in poetischen Landschaftpanoramen wird Maartens Biographie dargestellt.

„Und es schien, dass ich mir plötzlich bewußt werden würde, was das hieß: sterben. Vielleicht war das sogar schlimmer als der eigentliche Tod, denn auf ihn folgte ja nichts mehr. Aber auf den Gedanken, unwiderruflich einmal sterben zu müssen, folgt unweigerlich ein lebenslanges Warten auf den Tod.“

„Ein Schwarm Regenbrachvögel“ Von Maarten ‚t Hart

Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert
Bearbeitung und Regie: Norbert Schaeffer

hr 2004

© HR 2, Hörspiel, 26.4.2020

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