Hörspiel: Ein Brief des Lord Chandos – Remix Von Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal, der österreichische Dichter, Prosaautor, Richard Strauß-Librettist und vor allem Dramatiker des „Jedermann“, schrieb diese Ich-Erzählung 1902. Sie gilt als eines der Meisterwerke deutschsprachiger Décadence-Literatur.

Die Jahrhundertwendenzeit um 1900 war durch Erschütterungen wie neue Erfahrungen gekennzeichnet. Sie verabschiedete mit Friedrich Nietzsches Philosophie, Sigmund Freuds Psychoanalyse und nicht zuletzt der Relativitätstheorie Albert Einsteins die alte Weltordnung, in der die Religion, der Homo Sapiens oder Raum und Zeit die verbindlichen Maße aller Dinge waren.

Hofmannsthal spiegelt diese Sinnkrise des in der Moderne angekommenen, „von transzendentaler Obdachlosigkeit“ bedrohten Menschen in einem Brief eines schon in jungen Jahren ruhmreichen Poeten, der plötzlich seinem Handwerk und seiner Berufung misstraut, seine Profession als Dichter hinterfragt. Naiv kann er nicht mehr schreiben, die alten für sinnvoll erachteten Gesetze, sie gelten nicht mehr. Und vor allem: die poetische Sprache hat ihm als Werkzeug, die Welt mit Worten zu erfassen oder gar zu erkennen, ausgedient. Hofmannsthal spiegelt den Zerfall der alten Werte und die Suche nach neuem beglückenden Sinn und neuer Orientierung über eine historische Konstellation, die in der Spätrenaissance angesiedelt ist: den Brief schreibt Lord Chandos im Jahr 1603, als in England das goldene Elisabethanische Zeitalter endete und sich das Empire als Großmacht etabliert hatte. Und der Brief ist an den Politiker und Philosophen Francis Bacon gerichtet, der die empirischen Wissenschaften zum wichtigsten Welterkenntnismodell erkor.

Diese Neu-Produktion steht unter diesen Vorzeichen der Auflösung alter Zuordnungen und ist als Experiment einzuordnen. Es beruht auf einer Lesung aus dem Jahr 1963. Durch die Digitaltechnik und ihre Programm-Tools ist es mittlerweile möglich, historische Film- und Tonaufnahmen so zu manipulieren, dass sie in neuen Sinnzusammenhängen stehen oder sie konstruieren können. Das Original ist nur noch Material. Der Hörspiel-Remix der alten Archivaufnahme ist ein Dramatisierungsversuch, die Erzählung über in ein inneres Zwiegespräch zu verwandeln.

Ein Brief des Lord Chandos – Remix Von Hugo von Hofmannsthal

Mit Heiner Schmidt als Lord Chandos
Musik: Alva Noto
Hörspieleinrichtung und Realisation: Manfred Hess
(Produktion: SWR 2018)

© SWR 2, Hörspiel, 2.5.2019

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