Hörspiel des Monats „Karl Marx statt Chemnitz“ Von Thilo Reffert

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ heißt es bei Karl Marx. Längst musste er auch den Umkehrschluss akzeptieren. Erleben Sie die Darstellerinnen bei der Herstellung eines richtigen Bewusstseins für ein neues Sein.

Die Begründung der Jury:

„Das Hörspiel des Monats April handelt von einem Namensstreit, der dazu zwingt, den Begriff des Eigenen – zum Beispiel: Heimat – neu zu denken.
Es handelt von den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen auf kommunaler Sachbearbeiterebene, handelt von einem Monsterkopf, in dessen Innerem etwas vor sich geht, vom globalen Großkapital, das plötzlich seine historische Aufgabe wahrnehmen, also Produktivkräfte entwickeln könnte, und zwar in Sachsen, sowie von den Möglichkeiten und Zwängen der Medien: hier des Radios.
Kurz: Es handelt von Karl Marx, wurde vom MDR in der Regie von Stefan Kanis produziert, und Thilo Reffert hat‘s geschrieben.

Denn Reffert gelingt es dank einer elegantdoppelbödigen Stück-in-Stück-Konstruktion mit „Karl Marx statt Chemnitz“, diese vielfältigen Themen in einem Plot von tiefgründiger Heiterkeit und funkelnder Bosheit zusammenzufügen: Der freie Hörfunkjournalist Hauke-Veit Klapp ringt mit der für ihn zuständigen Redakteurin Rita um die Ausstrahlung seiner zehnteiligen Mini-Feature-Serie.
Die war fest vereinbart, wurde nun aber kommentarlos gecancelt. Ein Versehen? Oder ein Eingriff der Funkhaus-Hierarchen?
Um sie doch noch günstig zu stimmen, oder wenigstens ihrer Ablehnung auf den Grund zu kommen, führt Hauke nun Rita jede Folge einzeln vor. Schonungslos ätzt Ulrike Krumbiegel in der Rolle der Redakteurin übers Intro, das „so 90er“ sei, klagt über langweilige talking heads – „Radio kann so viel mehr transportieren als Worte“ – und bespottet einfallslose Versuche, das Werk akustisch aufzubrezeln: „Flussrauschen, Hauke, dein Ernst?“
Zugleich kann sie sich weder der Faszination der archivarischen O-Ton-Trouvaillen entziehen, die Hauke aufgetan hat – von Eberhard Rangwitz‘ propagandistischer Kantate „Frühling der Jugend“ bis zu Ansprachen von Otto Grotewohl und Erich Honecker – noch letztlich dem inhaltlichen Sog seines Projekts. Denn der von Jörg Schüttauf grandios lebensnah gesprochene Reporter beobachtet in seiner Serie den naiv für den Verfasser des Kapital entflammten Spaßguerillero Demba und in reflexhafter Marx-Ablehnung befangenen GegnerInnen. Dembas Plan ist es, den Ort am Zusammenfluss von Würschnitz und Zwönitz am 5. Mai 2018 für einen Tag wieder „Karl-Marx-Stadt“ zu nennen.
Halt so, wie Chemnitz von 1953 bis 1990 hieß. Und dafür hat er am höchsten Bauwerk der Stadt, einem über 300 Meter hohen Schornstein, ein einschlägiges Transparent aufgehängt. Skandal! Wahnsinn? Geniale Idee, die man nicht fallen lassen darf, „nur weil die falschen Leute auch dafür sind?“ Bringt das am Ende Touris, Investoren, Geld? Die Köpfe der Stadt, selbst die hohlsten, reden sich heiß, weil auf dem Spiel steht, was sich, kritisch, als Urform von Ideologie bestimmen lässt: Identität.

„Karl Marx statt Chemnitz“ ist ein Stück, über das man Dissertationen verfassen kann – und das sich ebenso gut als prima Unterhaltung einfach weghören lässt.“

„Karl Marx statt Chemnitz“ Von Thilo Reffert

Regie: Stefan Kanis
Mit Ulrike Krumbiegel, Jörg Schüttauf, Thorsten Merten, Carina Wiese, Tilla Kratochwil, Kirsten Block, Hilmar Eichhorn u.a.
Produktion: MDR 2018

© Deutschlandfunk, Hörspiel, 7.7.2018

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