Hörspiel des Monats: „Der Sprung vom Trottoir (1/2)“ Von Hubert Wiedfeld

Leo Raat steht mächtig unter Druck. Eine geplatzte Verabredung im K20 in Düsseldorf, anschließend Rückfahrt nach Hamburg im gediegenen „Metropolitan Express Train“, dort eine kleine Pokerrunde, Personal wie aus dem Baumarkt. Das war alles! Was kann da schon passiert sein? Und doch ist nichts mehr wie zuvor.

 

Begründung der Jury der Akademie der Darstellenden Künste:

Der „Sprung vom Trottoir“ ist Storyboard, ist Film im Film, denkt Visuelles aber akustisch und ist also ein Hörspiel, das einen vom ersten Moment an in seinen Bann zieht. Manchmal taumelnd und schlingernd treibt es dabei ein höchst ungewisses, changierendes Spiel. In 34 Bildern aufgegleist in die Spur eines Leporellos – der selbst eine wichtige Requisite des Stückes ist – rollt es fort und fort. Zahllos sind die Bezüge und Querverweise, die Spielereien mit Namen und Rollen, Begriffen, Zeit, Ort und Genres. Science Fiction, polit-ökonomische Staatsdystopie, Krimi, Kunstabhandlung, Love Story …? Ein Rumgespinne, heißt es, aus dem Ernst geworden sei.

Das literarische Verfahren des 2013 verstorbenen Hubert Wiedfeld erinnert an Robbe-Grillet, Magritte und den nouveau roman. Dabei bezieht sich Wiedfeld auf die erratisch-melancholischen low-cut Zeichnungen des Niederländers Marcel van Eeden, dessen Begeisterung für Eisenbahnen er teilt.

Angetrieben wird dieser hardboiled-railroad-trip von einem in Klangfarbe und Rhythmus minutiös ausgearbeiteten Soundtrack, sensibel und eng am Text, gewoben aus einer großen Bandbreite musikalischer Stile. Regisseur Alexander Schuhmacher greift dabei auf seine ganz eigene Weise das Collageverfahren Wiedfelds auf und setzt auf einen abstrahierenden Raumklang.

Eines wird bei all dem schnell klar: hier gibt es keinen roten Faden – aber eine Frau in einem roten Mantel. Diese Erkenntnis ist möglicherweise beruhigend. Durchaus im Sinne des Stückes wäre es auch, in Unsicherheit, in Angst, vielleicht in Wut, zumindest aber in Bewegung zu geraten. Und sollte am Ende doch jemand nicht verstehen, um was es hier geht, so wird er doch selten die Zeit so gerne mit Zuhören verbracht haben.

„Der Sprung vom Trottoir (1/2)“ Von Hubert Wiedfeld

Regie: Alexander Schuhmacher
Mit Sebastian Rudolph, Thomas Thieme, Bettina Engelhardt, Karim Cherif, Berthold Toetzke, Gerd Wameling u.a.
Produktion: hr 2017

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main zeichnet jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten aus. Die Entscheidung über das HÖRSPIEL DES MONATS trifft eine Jury, die jeweils für ein Jahr unter der Schirmherrschaft einer ARD-Anstalt arbeitet.
Am Ende des Jahres wählt die Jury aus den 12 Hörspielen des Monats das HÖRSPIEL DES JAHRES.

© Deutschlandfunk, 10.3.2018

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