Das Fragment spielt in Hölderlins Schaffen eine entscheidende Rolle, vom Fragment von Hyperion des Dreiundzwanzigjährigen bis zu den Pindar Fragmenten, dem letzten Werk, dem sich Hölderlin vor Ausbruch seiner Krankheit widmete.

Kurze Gedichtfragmente, einzelne lyrische Einsprengsel und nicht mehr ausgeführte Entwürfe wurden später unter dem Begriff „Bruchstücke zusammengefasst. Von Beginn an standen die Herausgeber von Hölderlins Werk vor beinahe unlösbaren Schwierigkeiten, was Einordnung und Zuordnung, überhaupt jegliche Form der Ordnung anging. Gleichzeitig wucherte die Legende vom wahnsinnigen Dichter und warf noch größere Schatten auf das labyrinthische Werk. 

Im Hörspiel „Bruchstücke“ wird das Fragmentarische und Bruchstückhafte in Hölderlins Werk als Stil- und Ausdrucksmittel genommen und weder in einen zeitlichen noch inhaltlichen Kontext gesetzt, sondern noch weiter aufgesplittert und in die verschiedenen Hölderlin-Rezeptionen der letzten 200 Jahre hineingetragen. In 26 kurzen Abschnitten bekommt jedes der ausgewählten Wörter, jeder der für sich gesetzten Sätze und Verse einen eigenen Raum, um sich innerhalb der bewusst vorgenommenen Beschränkung zu entfalten. Das Alphabet, das aus diesen Bruchstücken entsteht, ist nicht Ordnungsprinzip, sondern lyrischer Klang, der mithilfe verschiedener Stimmen – die sich nicht selten in Musik auflösen, ähnlich wie Hölderlins Schaffen, das in seinen späten Jahren dem musikalischen Klang oft näher war als der Sprache – das Unbenennbare anreißt, das zwischen Aussagen und Verschweigen liegt.

„Bruchstücke“ von Frank Witzel
Ein Hölderlin-Alphabet in der Regie von Leonhard Koppelmann

Musik: Frank Witzel
Regie: Leonhard Koppelmann
hr 2020

© HR 2, Hörspiel, 20.98.2020

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