Henning Bolte’s Review über Liberty Ellman „RADIATE“

Pi Recordings / Harmonia Mundi

****1/2

Liberty Ellmans Anteil an der Tonträgerflut ist fast heroisch gering, anachronistisch eingeschränkt, dafür aber umso markanter. Entsprechend dürfte sein letztes Opus, Ophiuchus Butterfly (2006), noch in guter Erinnerung sein. Nun also Radiate. Schon die Anfänge der Stücke sind schlicht bestechend – so bestechend, dass man nach circa 20 Sekunden mit dem äusseren Hören pausieren könnte, um dem inneren Nach- und Voraushören Raum geben könnte … bevor man sich weiter in der Musik des Ensembles mitnehmen und sich in Erstaunen über dessen Fluss versetzen lässt. ‘Fluss’ wäre hier zu verstehen im Sinne der Dynamik vielfältiger Strömungs- und Reibungsvorgänge in einem Wasserfallgebiet mit Stromschnellen, Fall- und Prallzonen, Kolkbildung, Luftionisierung (Wasserfallelektrizität), Frostsprengung usw.. Bestechend sind nicht nur die Anfänge der Stücke, bestechend ist ebenso deren Vielfalt mit dem massiven, wuchernden Anfang Supercell” gefolgt von den Furthermore”-Schwaden, dem gegengewichtigen Rhinocerism”, ein Höhepunkt, dem heavy Riff von A Motive”, dem kreisenden Skeletope”, dem gleitenden Vibrograph” und dem hiphoppigen Enigmagtic Runner”. Die Beschaffenheit des Untergrunds bestimmt die Strömung, die ihrerseits den Untergrund nach und nach formt. Ähnlich verhält sich mit hier mit Rhythmik und Melodik. Ja, alle Musiker des Ensembles, der Schlagzeuger Damon Reid, der Bassist Stephan Crump, der Tubaist/Posaunist Jose Davila, der Altsaxophonist Steve Lehman und der Trompeter Jonathan Finlayson sind eng mit Threadgill und Steve Coleman verbunden, was dem Ganzen im höchsten Maβe zum Vorteil gereicht. In Radiate manifestieren sich sowohl das enorme generative Potential des Threadgillschen Kompositionsansatzes als auch dessen höchst eigenwillige, originelle und vielfältige Ausgestaltung durch den Komponisten und Gitarristen Ellman. Es wird Zeit, diese Musik auch hier im geeigneten Kontext live erleben zu können.

 

 

© Henning Bolte