Henning Bolte. Tim Berne’s Snakeoil besprochen: You’ve Been Watching Me

Tim Bernes Musik ist nicht nur unmittelbar als die seinige erkennbar. Berne gehört zu denjenigen im Jazzfeld, in deren Spielpraxis – ähnlich wie bei Henry Threadgill oder Steve Coleman – ein markantes eigenständiges musikalisches Gestaltungssystem mit generativem Potenzial wirksam ist, das zu Vertiefung und Erweiterung der Musik führt.
Augenfällig ist die Ergänzung der Snakeoil-Besetzung durch den Gitarristen Ryan Ferreira, der auf dem Album elektrisch wie akustisch spielt, sowie der Einsatz des Vibraphons durch Ches Smith. Ferreira ist ein junger New Yorker Gitarrist mit Ambient Sound und Rockseiten (inzwischen nach Seattle ungezogen), der neben Tim Berne und Michael Formanek mit Ted Poor, Chris Tordini, Colin Stetson sowie Ensemble Alarm Will Sound zusammengearbeitet hat.
Gleich zu Anfang des achtzehneinhalbminütigen “Small World In A Small Town”, schlägt sich die Besetzungserweiterung in Anklängen Hitchcock-Hermannscher Provenienz ohrenfällig nieder. Das Stück führt von weit offenen lyrischen Phasen über kaskadierende zu ätherischen Unisono-Phasen und dann zu schlagwetternden kontrapunktischen Teilen.
Das dynamische Durchlaufen eines solchen Spektrums wechselnder Temperaturen ist in dieser Art neu für Snakeoil und setzt sich im Folgestück “Embraceable Me” in noch gross- artigerer Form fort. Aus anfänglich sich überschlagender Dichte entstehen neben stark lyrischen Passagen pendelnde Phasen mit einer Stasis vom Schlage Gil Evans. Das Titelstück schliesslich ist ein unbegleitetes zweiminütiges Solo auf akustischer Gitarre. Im anschliessen- den “Semi-Self Detached” ereignet sich ein äusserst stilles, beinahe ausserweltliches Zusammenspiel von Noriegas Bassklarinette und elektrischer Gitarre, zu dem sich langsam erst Bernes Altsaxophon und dann die beiden anderen Instrumente von Smith und Mitchell fügen. Nirgends wird mit Versatzstücken operiert oder mit effekthascherischem Kontrast. Es ist die je spezifische Dialetik und die geworfene (Ver)Zeichnung, die bei Berne trägt, und das zieht sich ebenfalls stark durch das abschliessende “False Impressions”.
Tim-Berne--Youve-Been-Watching-Me-album-cover
You’ve Been Watching You ist bei ECM erschienen. Die Rezension ist eher auch in dem Printmagazin Jazzthetik erschienen.