Henning Bolte: Maniscalco/Bigoni/Solborg besprochen

Mit Melodien passiert alles Mögliche. Sie werden umspie/ült, malträtiert hervorgezaubert, weggezaubert, auf Abwege geschickt, ins Aus bugsiert … Bei diesen drei nicht ganz unbekannten Kopenhagener Musikern tauchen sie einfach im Halbdunkeln, Staub, Flimmerlicht oder als Fata Morganen auf. Ruhig und gelassen, in ganz eigener Gestalt. Meistens bleiben sie selbstvergessen in ihrer eigenen Zeit. Ein wenig wie Schattenspiele wirkt diese Musik. Pianist Emanuele Maniscalco, Holzbläser Francesco Bigoni und Gitarrist Mark Solborg üben sich in der Kunst und Schönheit unforcierenden und unforcierten Verharrens – eine Wohltat für den Zuhörer! Dabei wechseln sie sinnvoll zwischen wunderbaren Zweier- passagen und Dreiervereinigung ab.
Schöne Spannung entsteht, wenn etwas geheimnisvoll und entfernt Bekanntes wachruft wie etwa in “Board Walks”, aus dem immer wieder eine an “El Condor Pasa” erinnernde Wendung aufscheint. Aus Zerbröckeltem bildet sich da neue Schönheit. Im nachfolgenden “Dogfood” dagegen muss Geröll bewegt werden, um kleine glitzernde Stücke freizulegen. Genau in der Mitte befinden sich die beiden stärksten Stücke, “Too Young To Be A Hippie, Too Old To Be A Punk” und “Homework”. Das erste fast ein Lullabye mit einer bemerkenswerten Piano- einführung, das zweite mit einem wunderbaren Klarinettenteil, faszinierenden Verschiebungen und im letzten Teil einem unterschwelligen Bolero. Von kleinen, scheinbar im Nichts befindlichen tonalen Inseln greift die Musik immer wieder auf erstaunliche Weise aus. In “Rye” mit grosser Klarheit und Motianschem Gestus und im abschliessenden “Sometime” mit einem Anklang an Sakralmusik. Maniscalco/Bigoni/Solborg haben inzwischen eine musikalische Einheit mit starker eigener Signatur ausgebildet, die entsprechende Aufmerksamkeit verdient.
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Maniscalco/Bigoni/Solborg ist bei ILKmusic erschienen, dem Label des Kopenhagener ILK-Kollektivs. Die Rezension ist eher auch in dem Printmagazin Jazzthetik erschienen.