Gretchenfrage bei allen Entscheidungen: Was wäre jetzt schön?

Die Kulturradios bei WDR und rbb sollen zu einer Art aufsuchendem Chauffeur-Dienst werden. Nur dass dort, wo sie ihre Hörer abholen wollen, niemand wartet. Von Hartmut Welscher.

„Die Zeiten ändern sich, die Zeiten haben sich geändert. Es ist mittlerweile einfach so, dass mein Verständnis von Kultur und dem Kulturauftrag ein anderes ist als das von WDR 3. Und so ist es nur logisch, dass ich meinen Platz räume.“ So verabschiedete sich am Dienstagmittag WDR 3-Moderator Kalle Burmester von den Zuhörern des ‚Klassik Forum‘. Der Abschied nach fast 26 Jahren tue „verdammt weh“. Dann spielte er Bill Evans‘ Turn Out the Stars. Es ist der jüngste, aber nicht der letzte personelle Aderlass im Zuge der Programmreformen, die derzeit bei den Kulturwellen des WDR und des rbb umgesetzt werden.

Auch andere langjährige Moderator:innen haben intern ihren Abschied angekündigt. Dass die Programmverantwortlichen ihnen dabei viele Tränen nachweinen, daran glaubt kaum jemand. Zu deutlich hat man ihnen in den letzten Monaten zu verstehen gegeben, dass ihr Stil und Anspruch nicht mehr zu den neuen »Direktiven«, wie sie senderintern heißen, passen. Und auch, dass die, die sich nicht anpassen wollen, fliegen. Einige gehen da lieber von sich aus.

Ziel der neuen programmatischen Ausrichtung von WDR 3 und rbbKultur ist es, sogenannte »klassikaffine Wechselhörer« abzuholen. Diese tummeln sich, so die Annahme, bei 1Live oder dem Berliner Rundfunk 91,4, könnten aber mit dem richtigen Angebot und der richtigen Ansprache überzeugt werden, öfter und länger im Kulturradio zu verweilen. Mit dem »klassikaffinen Wechselhörer« ist es ungefähr so wie mit dem Yeti: Je weniger Sichtungen es gibt, desto mehr schießen die Phantasien über ihn ins Kraut. Typische Wesenszüge sollen sein, dass er leicht schreckbar ist, vor allem, wenn ihm etwas Unbekanntes begegnet. Er mag es gerne hyggelig. Und er bevorzugt eine eher kindgemäße Ansprache. 

© Van Magazin, 3.3.2021

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