Russland ist das Land, in dem selbst die Erinnerung riesig ist. Das soeben fertiggestellte Denkmal für die Opfer der Gewaltherrschaft – die „Wand der Trauer“ – ist 30 Meter lang und sechs Meter hoch. Wer was getan hat, ist darauf nicht zu erkennen.

Von Christine Hamel

Stalin hat die Menschen unterdrückt, aber viel wichtiger, er hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die Sowjetunion groß gemacht. Wegen solcher „Abwägungen“ verharrt das Erinnern an das Straflagersystem – in den Gulags waren insgesamt ca. 10 Prozent der Bevölkerung interniert – bei den Opfern, von Tätern ist kaum je die Rede, von Prozessen, die die Ereignisse aufarbeiteten, ganz zu schweigen. Der Zusammenhang zwischen Terror, Kälte, Tod und Täter ist im patriotisch hochgerüsteten Russland eine prekäre Angelegenheit – natürlich auch, weil der berüchtigte Geheimdienst NKWD zwar seinen Namen gewechselt hat, aber weiterhin tätig ist und nie zur Verantwortung gezogen wurde. Es überwiegt die große Erzählung der „Tragödie“, die wie eine Naturerscheinung über die Menschen gekommen ist. Heroismus statt Analyse.
Was wäre, wenn es in Deutschland seit dem Nationalsozialismus eine Kontinuität der Eliten gäbe wie in Russland seit dem Stalinismus? Wenn Dachau etwa eine Gedenkstätte wäre, die an das Leben der Aufseher erinnert und an die für das Kriegsgeschehen wichtige Produktion von Flugzeugmotoren? In Russland gibt es solche Gedenkstätten. Nietzsche hatte einst gefordert, die Historiographie habe den Heroismus zu fördern. Kann er diesen Karneval damit gemeint haben, in dem falsch und richtig ununterscheidbar geworden sind?

 

© Bayern 2, Nachtstudio, 7.11.2017

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