„Gärten, Schnäbel, ein Mirakel, ein Monolog, ein Hörspiel“ – so der Titel der 2008 entstandenen Radioarbeit von Friederike Mayröcker, die mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Ernst Jandl Ende der 1960er Jahre das Hörspiel revolutionierte.

Aus Anlass der Verleihung des diesjährigen Günter-Eich-Preises an die Grande Dame der österreichischen Literatur.

 

Die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig fühlt sich der Förderung des deutschsprachigen Hörspiels verpflichtet und möchte mit dem von ihr gestifteten „Günter-Eich-Preis“ das Lebenswerk von Autorinnen und Autoren würdigen, die mit ihren Radio-Arbeiten das Repertoire der Gattung Hörspiel vielgesichtig und stetig erweitert haben.
Die Jury unter Vorsitz von Wolfgang Schiffer (ehem. Hörspielleiter des WDR) würdigte Mayröckers Verdienste um die Gattung. Ihren 1969 selbst formulierten Anspruch löse ihr eigenes Radiowerk ein, Mayröcker finde „in souveräner Weiterführung von konkreter Poesie zu einer völlig eigenen Tonlage“. Die Jury weiter: „Mit Stücken wie ‚Die Umarmung nach Picasso‘ hat bei ihr das Hören das Sehen gelernt. Das Singen beherrscht es ohnehin längst im einzigartigen Werk der Friederike Mayröcker“.

„Gärten, Schnäbel, ein Mirakel, ein Monolog, ein Hörspiel“ – so der Titel der 2008 entstandenen Radioarbeit von Friederike Mayröcker, die mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Ernst Jandl Ende der 1960er Jahre das Hörspiel revolutionierte. Ein heute noch als Maßstab für viele Produzenten geltendes Beispiel ist die wegweisende, 1969 mit dem „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ ausgezeichnete Produktion „Fünf Mann Menschen“. So verwendeten die beiden für die damalige Zeit völlig unbekannte Aufnahmetechniken, und auch ihre Textgestaltung brach mit bis dahin eingefahrenen Formen.

Friederike Mayröcker, Jahrgang 1924, flaniert in diesem Monolog, der im Sommer 2008 entstand, durch einen Park poetischer Fragmente, alte – neue Bilder aus der Vergangenheit tauchen wieder auf, neue Assoziationen entstehen, bauen sich in diesem sprachlichen Park auf, manchmal wirken sie fast wie bewegte Faune. Es sind Selbstzitate, Bilder, die an dieser Spaziergängerin vorbeiziehen, es ist die Zeit und die Unvergänglichkeit, die diesen Text dominieren. Bilder, die das Altern in Würde dokumentieren, Bilder, die ein Leben erzählen und darüber hinaus gehen. Namen, Begegnungen blitzen in diesen Miniaturen auf.

Sehr ergreifend liest Friederike Mayröcker ihren poetischen Text, der stimmig in der Inszenierung eines ihrer langjährigen Wegbegleiter, Klaus Schöning, vorgelegt wurde.

„Schlafe auf Nervenzettel“, sagt die Dichterin, „ganz dünner durchsichtiger durchlöcherter Schlaf“. – „Mein Gang ist unsicher, ich werde schwächer … es ist zu spät, der Sommer verhaucht“. – „Ich habe keine Inspiration, sage ich zu meinem Arzt“. Doch die Ärztin tröstet: „Schreiben“, sagt sie „werden Sie länger können als lesen“. Und diese Worte lebensfroh in sich aufnehmend, geradezu heiter, reflektiert die Dichterin ihre physische Existenz, huschen vergangene Sommertage vorbei, vor ihrem geistigen Auge, und nicht zuletzt am aufmerksamen Hörer. In den Wolken, die während dieses Flanierens im Garten des Lebens über den Himmel ziehen, hängen alte Bekannte – und natürlich ist ER immer präsent, wie eh und je: ER, Ernst Jandl, Mayröckers Lebensmensch.

„Gärten, Schnäbel, ein Mirakel, ein Monolog, ein Hörspiel“ von und mit Friederike Mayröcker.

Regie: Klaus Schöning. (Koproduktion ORF/SWR 2008).

©  Ö1 Kunstsonntag: Radiokunst – Kunstradio, 3.9.2017

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