Tagelang feilte Friederike Mayröcker an dem Gedicht „auf den Kopf des Klassikers“, das dem legendären Literaturwissenschafter Hans Mayer gewidmet ist. Als es endlich fertig war, entstand aus der Stimmung eines Augenblicks ihr „Proem auf den Änderungsschneider Aslan Gültekin“, der gleich um die Ecke wohnt. Ein „Sekundengedicht“, von dem es viele gibt.

Von Eva Schobel zur Verleihung des Günter-Eich-Preises an Friederike Mayröcker

Das ist die Dichterin, wie sie leibt und schreibt, meint ihre Vertraute Christel Fallenstein, die tagtäglich Mayröckers Texte abtippt, kommentiert und sammelt. Gedichte, poetische Prosa und Hörspiele, in denen der Reichtum der Welt enthalten ist. Sinneseindrücke, Einfälle, Geistesblitze, Stimmungen, Hörerlebnisse, Alltagsspuren und immer wieder die vollständigen oder abgekürzten Namen jener Menschen, die ihr wichtig sind.

Freunde und Begleiter aus den Zeiten, als Ernst Jandl noch am Leben war, aber auch solche, die sie nach seinem Tod gefunden hat. „Im Ton einer entzückenden Leier“ (Jörg Drews) findet alles seinen Platz im Kosmos der Dichterin: der Wirt, bei dem sie täglich einkehrt genauso, wie die befreundete Künstlerin, der geschätzte Schriftstellerkollege, die begabte Jungschriftstellerin und der Hausarzt.

Eva Schobel hat mit den Kontaktpersonen der Autorin, die heuer ihren 85. Geburtstag feiert, gesprochen und nach ihren Lieblingstexten gefragt, Friederike Mayröcker hat diese Texte gelesen. „Schamanisierende Suada“ nennt Bodo Hell ihren Vortrag, in die der Hörer mit „Mit Haut und Haar, Aug und Ohr, Hand und Fuß, Kopf und Kragen“ hineingezogen wird.


© Ö1, Tonspuren, 3.9.2017

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