„Fairer klicken für die Kunst“ Warum das System Spotify die musikalische Vielfalt bedroht Von Jens Balzer

Wer zu Hause Musik hört, tut dies heute oft über Streamingdienste. Auch hier wirkt die Pandemie als Beschleuniger der Digitalisierung. CDs und Schallplatten sind zu Nischenprodukten geworden, 2020 hat die deutsche Musikindustrie fast zwei Drittel ihres Umsatzes mit Online-Streaming erzielt. Für das Publikum hat das erfreuliche Seiten: Wer über ein Abonnement etwa des Marktführers Spotify verfügt, kann sich ohne weitere Mühen Millionen von Songs anhören.

Für viele Musiker ist die Lage nicht so angenehm. Sie klagen schon lange darüber, dass sie mit mickrigen Honoraren abgespeist werden, denn im Durchschnitt wird pro Stream nur der Bruchteil eines Cents ausgezahlt. Vor der Pandemie ließ sich das mit Konzerten, Tourneen und Festivals wenigstens teilweise ausgleichen, doch jetzt, da diese Einnahmen wegfallen, wird die Lage für viele Musiker ernst: In 31 Städten weltweit hat die neu gegründete Union of Musicians and Allied Music Workers (UMAW) vergangene Woche gegen die Ausbeutung durch Spotify demonstriert. Der Konzern reagierte darauf umgehend mit einer „Loud & Clear“-Initiative für „mehr Transparenz“. Auf einer Website und mit einem Imagefilmchen bemüht er sich darzulegen, warum alle Welt nur Vorteile von Spotify habe. Bei den Aktivisten und Aktivistinnen der UMAW stieß das auf bitteren Hohn.

Nun ist es nicht so, dass von Spotify niemand profitiert. Dennoch bevorzugt der Dienst mit seinem System bestimmte Arten der Musik. Das beginnt damit, dass die Tantiemen pro Track ausgezahlt werden, das heißt, dass alle Künstlerinnen und Künstler, deren Musik auf das klassische Albumformat zielt, benachteiligt werden. Mehr noch: Damit ein einzelner Track von Spotify als gehört gewertet und abgerechnet wird, reicht es, wenn er 30 Sekunden lang läuft. Es ist also gleichgültig, ob ein Lied zwei Minuten dauert oder zehn; wer immer sich um Komplexität oder um längere Dramaturgien bemüht, hat das Nachsehen. Künstlerische Ambitionen sind im Spotify-System prinzipiell hinderlich; bevorzugt wird stattdessen solche Musik, deren Hörer in kurzen Abständen immer wieder ein und denselben Song anklicken und ihn im besten Fall nicht mal zu Ende hören. Alles, worauf es musikalisch ankommt, passiert schon in der ersten halben Minute, sodass man gleich wieder zum Anfang zurückgeht: noch ein abzurechnender Klick.

© Zeit Online, Kultur, 28.3.2021

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