Es gibt hervorragende Tier-, Natur- und Georeportagen in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Aber warum muss jede Landschaft mit aufgedonnerten Streichertapeten zugekleistert, jede Spannungslücke mit psychagogischen Klangmodulen gefüllt und jedes Beute schlagende Tier von gezupften Bässen in einen Mörder verwandelt werden? Das entwertet nicht nur die Reportagen, sondern derealisiert auch unser Bild vom nichtmenschlichen Leben auf der Erde. Und es verschenkt die einzigartige Chance des virtuellen Tourismus.

Von Daniele Dell’Agli

„Die Menschen sehen so viel, aber sie hören der Natur nicht zu: die Erde singt! Die Bäume an ihrem Rauschen unterscheiden, die acht Winde an ihren Melodien erkennen.“ Hans-Jürgen von der Wense, Epidot (1946)

Es gehört zu den Ironien eines pandemisch erzwungenen Hausarrests, dass die menschenleere Welt draußen endlich so aussieht, wie man sie gern auf Reisen erlebt hätte: frei von Menschen-, Autos- und Schiffsgedränge; in eine Stille getaucht, die die allermeisten Verursacher ihrer sonstigen Verhinderung unisono „paradiesisch“ taufen. Und zu den Ironien einer Mediengesellschaft gehört, dass sie just diese menschenleere Welt ins Wohnzimmer holt, zum einen durch aktuelle Berichte von der dystopischen Front, die allerdings statt Beklemmung eher befremdliches Staunen auslösen. Unvergessen aus „Die Corona-Geisterstädte“ (Arte) die hyperrealen Venedig-Veduten mit der tiefempfundenen Entzückung des Reporters: „Die Stadt ist jetzt so, wie sie sein sollte.“ „Unglaublich, wie schön die Stadt jetzt ist.“ Und Millionen sitzen daheim vor dem Fernseher und erkennen, warum sie überhaupt jemals den Wunsch gehabt haben, dorthin zu fahren – und warum sie vor Ort nur enttäuscht werden konnten. Und ahnen, dass das Venedig, das eine Reise wert wäre, nur unter Bedingungen einer pandemischen Entvölkerung existiert und nur televisuell besichtigt werden kann.

Dass Filmmusik hierzulande und im angelsächsischen Raum immer aufdringlicher und obsessiver ihre Vorlagen plattwalzt, ihren akustischen Fußabdruck permanent vergrößert – und die hier formulierte Kritik kann man unterschiedslos auf alle Filmgenres übertragen – , darf abschließend als ein Aufbegehren gegen das Unvermeidliche gewertet werden: dass angesichts der Abermillionen Tonkonserven, die in den Sendern lagern, und aus denen man auch ohne Kompositionsstudium projektgenau die jeweils passenden Einspieler sampeln kann, die Vertreter dieser  Disziplin entbehrlich geworden sind.

© Perlentaucher, Essay, 1.10.2020

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