„Zuerst sind wir Menschen, erst in zweiter Linie sind wir Jazz-Musiker.“ Diesen bemerkenswerten Satz hat Terri Lyne Carrington vor kurzem anlässlich ihres neuen Albums „Waiting Game“ geäußert.

Eigentlich sollte dies eine Selbstverständlichkeit sein, aber der Jazz gehört zu jenen Kunstformen, die sich weit außerhalb gesellschaftlicher Problemlagen abspielen.
Dabei war das doch einmal ganz anders. Bis Anfang der 1970er-Jahre war Jazz ein Brennglas menschlicher und damit auch sozialer und politischer Befindlichkeiten. Seit einigen Jahren spitzen sich die Verhältnisse wieder dermaßen zu, dass der Jazz davon nicht unberührt bleiben kann. Gerade im Mutterland des Jazz, den USA, zeichnet sich nicht nur eine zunehmende soziale Spaltung der Bevölkerung ab, sondern auch Vorurteile und Rassismus nehmen wieder zu. Unter Donald Trump erleben die USA eine Polarisierung wie seit Präsident Nixon nicht mehr, der zur personifizierten Zielscheibe der Protestbewegung bis 1974 geworden war. Protest wird somit wieder zu einer musikalischen Kategorie.

Mehr öffentlicher gesellschaftlicher Diskurs

Der nicht eben als radikal bekannte Trompeter Terence Blanchard hat schon 2014 nach den Vorkommnissen von Ferguson postuliert, die Zeit des Dialogs sei vorbei, jetzt greife man in der Musik zu radikaleren Mitteln. Es hat einige Jahre gedauert, bis diese Saat aufging, aber Terri Lyne Carrington ist ein Beispiel für eine gestandene Musikerin, die sich bewusst mit Rappern und Poeten vereint, um das Wort zu ergreifen, weil Klänge allein nicht mehr ausreichen. Der Pianist Robert Glasper nennt sein neues Mixtape „Fuck Yo Emotions“, um sich gegen Vorurteile aufzulehnen und wieder Fakten einzufordern. Auch Dave Douglas will mit seiner neuen CD „Engage“ zu positiver Aktion und gesellschaftlicher Teilhabe auffordern.

Im deutschen Jazz kommen diese Signale nur sehr zögerlich an, doch gibt es mit Brigade Futur 3 oder Philipp Groppers Philm auch hierzulande Projekte die sich wieder stärker in den öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs einbringen. Es lohnt sich trotzdem, das Ohr in Richtung USA zu öffnen, wo der Jazz gerade deshalb wieder neuen Zulauf erhält, weil er seinen Fokus und damit seinen Narrativ wiedergefunden hat.


© NDRInfo, Jazz Special, 31.1.2020

 

One comment

  1. Vincent Herring meinte bei einem Konzert in Hamburg neulich in Richtung Trump, dass auch er früher oder später sterben wird… das ist sehr weise und tröstlich, und relativiert viel von dem Wahnsinn, den Trump so als heiße Luft herauszwitschert. Aber vorerst sitzt diese Schweinebacke am Hebel (und die AfD in HH in der Bürgerschaft – menno!).

    Lucky

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