Als ich das Projekt mit den 50 Kurzfilmen zur Geschichte von ECM vor ein paar Jahren begann, hatte ich erst noch einen etwas anderen Fokus im Sinn: Der Gedanke war, 50 Personen aus unterschiedlichsten Kontexten (Autorinnen, Schauspieler, bildende Künstler, elektronische Musiker etc, evtl. auch jemanden aus der Politik), die man sonst nicht mit ECM in Verbindung bringt, um jeweils eine Art „Album-Tipp“ oder „Lieblingsalbum“ fragen und darauf dann die 50 Kurzfilme aufzubauen.

Also jeweils dann einen Mitwirkenden des jeweiligen Albums vor die Kamera bekommen.
Bei den ersten Episoden sind noch Reste davon spürbar: Für „La notte“ beispielsweise bat ich den Filmemacher Ralf Stadler, der sich mit dem Werk von Antonioni sehr gut auskennt und für den Antonioni und der Film „La notte“ ein wichtiger Einfluss war, um ein paar persönliche Worte zu diesem Film – und traf dann Ketil Bjørnstad zum Kurzinterview über sein Album, das ebenfalls auf „La notte“ basiert.

Ich hatte damals bereits einige Leute für solche persönlichen Albumtipps angefragt, und ich wollte besonders den Fokus auf Alben lenken, die nicht sowieso schon immer im Fokus stehen, wenn ECM zum Thema wird, also „Köln Concert“, Chick Corea, Jan Garbarek, Arvo Pärt usw. Zum Beispiel hatte mir Carsten Nicolai zugesagt, ein „Intro“ über Meredith Monk und ihr „Dolmen Music“ zu bieten.

Als sich nach einiger Zeit herauskristallisierte, dass das Projekt überhaupt nur stattfinden würde, wenn ich es aus eigener Tasche realisiere, habe ich zunehmend erst einmal einfache Interviewsituationen gesammelt — was auch immer mit den Porträtierten möglich war — Ketil Bjørnstad vor einer Lesung interviewt, Marc Sinan und Oğuz Büyükberber nach einem gemeinsamen Konzert in Berlin, Anja Lechner und François Couturier bei einem kurzem Münchenaufenthalt im vor einem Konzert usw.

Mit der Zeit allerdings wuchs der Anspruch an die Kurzfilme, da einige den Umständen entsprechend komplexer wurden. Manchmal ist so eine simple Interviewsituation ganz sympathisch, auch unerwarteter Weise, wie bei Bill Frisell, mit dem es nach monatelangen Planungsbemühungen am Ende nur möglich war, eine halbe Stunde in einem Park zu sprechen. In anderen Fällen aber wird es gestalterisch etwas mau, wenn das Interview (das üblicherweise nur mit einer Kamera aufgenommen wird und da ich selbst auch die Gespräche führe, oftmals mit wenig visueller Variation) über 15 Minuten in der gleichen Bildgröße verbleibt und sonst keine visuell interessanten Elemente hinzukommen.

Bei Mark Turner war es im Prinzip ähnlich wie bei Bill Frisell oder bei Wadada Leo Smith: Er war auf Tour, und ich konnte ihn in einem renommierten Jazzclub interviewen. Allerdings ist das Interview nicht gerade eines der gelungensten (ist auch immer etwas schwierig, wenn die Leute mit dem Kopf eigentlich woanders sind), und so fand ich es schwierig, nur diese eine Situation bzw. Position zu haben: Interviewpartner sitzt in einem Raum, der nicht sein persönlicher ist (anders als ein eigenes Studio bei David Torn, Arbeitsräume wie bei Barry Guy und Maya Homburger oder Jan Jedlicka oder Orte, wo die Leute leben und ihre Arbeit machen, ihre Bilder finden – wie bei Jan Kricke oder Caterina di Perri).

Das ist in visueller Hinsicht natürlich wenig ergiebig. Und wenn man dann im Interview Schnitte machen muss, Unebenheiten und Versprecher rausschneiden oder Gesten, Wortwiederholungen, Pausen o.a. eliminieren muss, damit der Interviewpartner nicht negativ rüberkommt, kann man aus einer einfachen Interviewposition nicht viel machen — und ich musste mir irgendwas Kreatives überlegen.

Da Mark Turner seit vielen Jahrzehnten in New York lebt und dort fast alle seine Alben aufgenommen hat, bot sich die Verbindung mit Fotografien aus der Stadt an, und da bin ich froh, dass das erfreulich gut funktionierte. Auch bei Meredith Monk (wo ich immerhin einige zusätzliche Bilder in ihren Räumlichkeiten und an der Straße vor dem Haus aufgenommen hatte) wollte ich dann zunehmend das Interview verdichten, Versprecher u.ä. rausschneiden und auch Musik integrieren. In der Recherche fand ich einige spannende Aufnahmen, die ganz schön zum Thema („Dolmen Music“) passen das Ganze komplexer machen, denn die pure Interviewsituation gibt rein visuell eben nicht genug her, um 5 oder gar 15 Minuten zu tragen. So kam es dazu, dass solche Kurzfilme, die vom eigentlichen Material eigentlich an einem Tag zu schneiden sind, mich am Ende mehrere Tage, über mindestens eine Woche hin beschäftigen.

Bei dem Interview mit Arild Andersen hatte ich eigentlich auch vor, altes dokumentarisches Videomaterial mit Masqualero einzufügen. Vielleicht mache ich diese Alternativ-Version noch, zumal ich ohnehin noch eine überarbeitete Fassung erstellen will mit ein bis zwei Stücken aus dem letzten Masqualero-Album. (Die Musik im Video jetzt ist ja vom ersten Album, das gar nicht bei ECM erschienen ist.)

Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.