Oscar Strasnoy erkundet die verborgenen Resonanzen der Viola d’amore, eines Barockinstruments, das Garth Knox für die Neue Musik erschlossen hat. Isabel Mundry widmet sich in „Hey!“ einem Stück Zeitgeschichte, dem Münchner Attentat vom Sommer 2016 und dem Verhältnis zwischen Täter und Opfer.

 

Oscar Strasnoy: „d’amore“

Der Titel d’Amore ist natürlich vom Soloinstrument inspiriert, um das herum das Werk gebaut ist, der Viola d’amore. Es ist ein Stück aus Kreisen, Schleifen, kreisförmigen Wiederholungen, wie die Liebe selbst. Ein weiteres wichtiges Instrument ist dabei, eines, das wie kein anderes den Kreis symbolisiert: Schallplatten. Sie spielen das Stöhnen von Tennisspielern, Liebeslieder und einzelne Wörter aus der Werbung für Dating-Plattformen. Die anderen Instrumentallinien sind beeinflusst von einer ganz bestimmten rhythmisierten Art, Platten abzuspielen; einer Technik, die von den DJs Mitte des letzten Jahrhunderts erfunden wurde und interessanterweise immer noch als eines der wichtigsten Mittel in der Popmusik verwendet wird – aber in der Kunstmusik quasi nicht existent ist. In d’Amore sind die Instrumentalparts wie lange Loops geschrieben. Fragmente dieser unterbrochenen Dauerschleifen sind während des Stücks ineinander verschlungen und bilden eine Polyphonie von Fragmenten, die alle durch eine andere menschliche Fähigkeit verbunden sind: die freie Assoziation. (Oscar Strasnoy)

Isabel Mundry: „Hey!“

Als am 22. Juli 2016 in München ein Amoklauf stattgefunden hat, bei dem der achtzehnjährige deutsch-iranische Schüler David S. neun Personen mit Migrationshintergrund tötete, kursierte kurz darauf ein Video im Netz. Der Amokläufer floh nach der Tat auf das Dach eines Parkhauses. Dort entfachte sich ein Dialog, eher Gebrüll, zwischen ihm und einem Anwohner. Hier begegnen sich die Protagonisten in einem Leerraum aus Sprachlosigkeit. Bei dem einen führte sie zum
Morden, bei dem anderen zu Parolen. Bei beiden führten sie zum Hass auf andere.

Diese Leere, die sich im Gebrüll und Gestotter zeigt und dabei Ausdrucksformen gesellschaftlicher Realität widerspiegelt, ist der Aufenthaltsort meiner Komposition. Dabei zeichnet sie den Dialog zwischen Mörder und Anwohner nach, verlangsamt dabei jedoch die Wahrnehmung. (Isabel Mundry)

Garth Knox (Viola d’amore); Neue Vocalsolisten Stuttgart
Ensemble Modern
Leitung: Bas Wiegers
Oscar Strasnoy:
„d’amore“ für Viola d’amore und Ensemble (Uraufführung)
Kompositionsauftrag des SWR, des Red Note Ensemble und des Sound Scotland Festival
Isabel Mundry:
„Hey!“ für Stimmen und Ensemble (Uraufführung)
Kompositionsauftrag des SWR
(Konzert vom 20. Oktober in der Sporthalle der Realschule in Donaueschingen)

© SWR 2, Jetztmusik, 7.11.2018

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