Dinosaur Jr. „Sweep It Into Space“ Männinnen an Gitarrinnen Von Juliane Liebert

Rock ’n‘ Roll ist, wenn lüsterne Männer mit flinken Fingern an den Hälsen ihrer vor dem Schritt baumelnden Gitarren rumfummeln. Das sollte dringend verboten werden. Macht nur keiner. Drum gilt’s, ein Zeichen zu setzen: Wir schreiben ab sofort nur noch über Gitarristinnen. 

Da Dinosaur Jr. aber eine der wunderbarsten Bands der vergangenen vierzig Jahre sind und die Männin Kurt Cobain sie liebte, muss eine Lösung gefunden werden, um guten Gewissens über sie schreiben zu können. Im Dilemma sind beherzte Entscheidungen gefragt. Auf, auf! Wir ernennen die drei Juniordinosaurier zu Frauen ehrenhalber.

Die Auszeichnung ist schon deshalb verdient, weil Donna Dresch, lesbische Gründerin und Namenspatronin der rauesten und zärtlichsten aller Riot-Grrrl-Bands, nämlich Team Dresch, für kurze Zeit Lou Barlow am Bass ersetzt hat. Vor allem aber haben Dinosaur Jr. nie Rock ’n‘ Roll gespielt. Jedenfalls nicht im oben beschriebenen Sinn. Ihr Geschenk an die Menschheit sind vom Lärm verklärte Sehnsuchtshymnen.

Was bleibt zu sagen? Ach ja, eine Königinnendisziplin J Mascis‘ wurde noch nicht angemessen gewürdigt: das Gitarrensolo. Die Leserinnen schreien schockiert auf. Völlig zu Recht ist das Gitarrensolo doch die tongewordene toxische Maskulinität. Aber hier eben nicht, obwohl mit Hingabe soliert wird. Woran liegt das? J Mascis spielt keine Highspeed-Frivolitäten. Trillert doch mal was, klingt es, wie seine Stimme, leicht verrutscht. Stattdessen singt die Fender Jazzmaster sustainreich, zerspringt manchmal in knisterndes magnetisches Pfeifen oder gleitet ins harmonische Feedback hinüber. Sie ist Bitte, Klage, Jauchzen und ein Stolpern zu den Sternen.

© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 24.4.2021

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