Im Jazz passieren so aufregende Sachen, dass man sich fragt, ob das noch Jazz ist. Der Chicagoer Schlagzeuger, Pianist und Komponist Makaya McCraven gehört zu einer neuen musikalischen Welt, an der man gleichwohl vieles zu kennen scheint – und dann eben doch nicht.

Die bekannten Elemente ergeben keine bekannte Welt. Ihre Neuheit ist auch nicht die der Pastiche und der Postmoderne; es ist eine andere Art, die Zeit, die zwischen Free Jazz oder Fire Music und Trap, zwischen den Schriftstellern James Baldwin und Marlon James vergangen ist, zu ballen, zu dehnen, zu kontrahieren und zu lesen, als man sich das vorstellt, wenn man in Kategorien wie „Verweis“, „Zitat“, „Nostalgie“ oder „Revival“ denkt. Was man zu kennen glaubt, ist das, was man als Jazz wiedererkennt.

Denn zurzeit erklingt sehr viel und sehr unterschiedlicher brandneuer, sehr präsenter, wacher, zeitnaher „Jazz“, der sich auf die freien und sehr beseelten physischen Spielarten der 1960er, auf die revolutionären afrozentrischen Entwürfe, aber auch auf Funk, auf die schwarze Tradition radikaler Dichtung, aber auch Hip-Hop bezieht – ohne dass man das Gefühl loswird, dass mit der eh schon immer mal wieder angezweifelten Kategorie Jazz nunmehr etwas fundamental und endgültig nicht mehr stimmt.

Seit fünf bis zehn Jahren kann man ein größeres kulturelles Erblühen beobachten, an dem diese immer noch Jazz genannte Musik einen zentralen Anteil hat. Das begann mit den großen Erfolgen von Kamasi Washingtons „Rückkehr zu Coltrane“ und den Brückenschlägen zwischen komplexer, ursprünglich tanzbasierter Elektronik und eben Coltrane durch dessen entfernten Anverwandten Flying Lotus (an der Westküste). In London gibt es diverse Talentpools, etwa um den ultraversatilen Shabaka Hutchings, von Haus auch ein Coltraneologe, aber weniger schriftgläubig, und die seit Jahren üppig florierende Cafe-Oto-Szene. Vor allem aber passierte es in Chicago, der klassischen geheimen Kulturhauptstadt Afroamerikas.

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© derFreitag, Kultur, Musik, Ausgabe 16/2020

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