Die Lage ist vielgestaltig – und für alle Beteiligten unverändert desaströs. Nach dem Corona-Lockdown im Frühjahr haben einige Berliner Jazzclubs wie der Schlot oder das ZigZag mit starken Einschränkungen wieder geöffnet. Andere wie das A-Trane machen mit reinen Streamingprogrammen weiter, das Donau115 oder das Sowieso bleiben geschlossen. 

Von Gregor Dotzauer

Dem Quasimodo hat das Virus offenbar den Todesstoß versetzt. Betreiber wie Musiker und Musikerinnen hangeln sich von einer Überbrückungsmaßnahme zur nächsten. Ein Gespräch mit der Sängerin Jacobien Vlasman und der Harfenistin Kathrin Pechlof über Gegenwart und Zukunft von Europas lebendigster Stadt für improvisierte Musik.

Quer durch alle Kulturbereiche hat man sich aufs Streamen verlegt. Welche Erfahrungen haben Sie mit Geisterveranstaltungen im Jazz gemacht?

JACOBIEN VLASMAN: Es ist seelenlos. Ich habe meist nach anderthalb Songs weggeschaltet. Das liegt am schlechten Sound, daran, dass ich nicht selber entscheiden kann, wo ich gerade hingucke, oder am fehlenden Publikum.

KATHRIN PECHLOF: Das spirituelle Erlebnis eines Konzertes ist durch nichts zu ersetzen. Streaming ist aber auch aus anderen Gründen diabolisch. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit verführt viele Musiker*innen dazu, permanent zu senden, möglichst in High Quality, was sich wegen der Produktionskosten aber natürlich nicht monetarisieren lässt. Das generiert Aufmerksamkeit im digitalen Raum, gleichzeitig wird in der Masse alles seltsam bedeutungslos. Ich fürchte, die Umsonst-Rein-und-Rausklick-Kultur ist kaum aufzuhalten. Die Coronakrise verschärft da nur ein bestehendes Problem.

VLASMAN: Man muss nicht jeden Furz ins Netz stellen. Daher habe ich mich dem Livestreaming verweigert. Das habe ich aber schon vor Corona so gesehen.

PECHLOF: Gerade geht es aber auch um Gemeinsamkeit und Solidarität. Zu Beginn des Lockdowns startete die Konzertreihe „Into the Shed“, mit minimalem Aufwand gefilmt und schraddeligem Sound, gegen Spenden live. Hingebungsvoll organisiert von dem Berliner Gitarristen Ronny Graupe, hat sich nach und nach die Berliner Jazzszene die Klinke in die Hand gegeben. Interessanterweise waren da ähnlich viele Leute wie bei einem normalen Berliner Door Deal Gig, nur eben überregional und aus dem Ausland. Inzwischen gibt es zum Fixpreis von 15 Euro einen Link zum Echtzeit-Stream.

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© Der Tagesspiegel, Kultur, 20.7.2020

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