Der Jazzmusiker zeigt mit neuem Album, dass sich Engagement und künstlerische Substanz auch überzeugend verschmelzen lassen.

Von Ljubiša Tošic

Auf dem in Schwarz-Weiß gehaltenen Cover seiner neuen Einspielung verweigert Ambrose Akinmusire den Blickkontakt. Mit geschlossenen Augen scheint er eine Schweigeminute für den ermordeten George Floyd zu absolvieren. Ist zeitlich jedoch unmöglich. on the tender spot of every calloused moment wurde vor dem letalen Übergriff der US-Polizisten fertiggestellt, der zu globalen Protesten geführt hat.

Andererseits wäre nichts falscher, als Akinmusires Coverstil als Ausdruck einer weltabgewandten Meditation abseits politischen Engagements zu deuten. Der Trompeter aus Oakland reflektiert und verarbeitet in seiner Kunst von jeher auch die Komplexität afroamerikanischen Lebens in einem Land, das eine rassistische Historie mit sich schleppt und in tragischer Art „aktualisiert“. Vor zehn Jahren war auf seinem Blue-Note-Erstling My Name Is Oscar integriert. Das Stück wirkte als Spoken-Word-Gedicht, um das herum ein dramatisches Schlagzeugsolo nervös tobte. Es war ein Musikdenkmal für den wie Akinmusire aus Oakland stammenden Oscar Grant, der 2009 erschossen wurde. Er war 22.

Weiter lesen …!

© Der Standard, Kultur, 18.6.2020

 

Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.