„Mut des Erkennens“ Interview Alexander Kluge erzählt vom Jahr 1990. Er rät, dem Verstand zu vertrauen, den Ohren und dem Witz. Von Mladen Gladić, Barbara Schweizerhof 

… Ich bin gerade seit Wochen mit dem lesen dieses Monsters in Buchform beschäftigt. Es ist eine unglaubliche Ansammlung von Fotos, original Werbung aus dieser Zeit, Reden, der runde Tisch… Eine Zeitreise die gerade jetzt so wichtig ist!©radiohoerer …

In einer Buchhandlung nahe der Berliner Museumsinsel stellen der Verleger des Leipziger Spector-Verlags, Jan Wenzel, und der Autor und Filmemacher Alexander Kluge das von Wenzel herausgegebene Buch 1990 freilegen vor. Der großformatige Band ist eine ausufernde Materialiensammlung, die aus mannigfaltiger Perspektive vom Jahr nach der Grenzöffnung im November 1989 erzählt. Alexander Kluge hat 32 neue Geschichten beigetragen. Mit Alexander Kluge wollen wir über seine Sicht auf das ein wenig im Schatten des Mauerfalljahres 1989 liegende zweite Wendejahr sprechen. Der Diplomat, Publizist und ehemalige Freitag-Herausgeber Günter Gaus sei Stichwortgeber zum Thema gewesen, begrüßt Alexander Kluge uns. „Davon bin ich ein Patriot“, fügt Kluge noch hinzu, und auch, dass er immer der Meinung gewesen sei, dass wir heute ein glücklicheres Europa hätten, wenn das Jahr 1990 anders verlaufen wäre. Aber alles der Reihe nach.

der Freitag: Herr Kluge, im letzten Jahr waren die Medien voll von teils kritischen, teils überschwänglichen Beiträgen zum Mauerfall-Jahr. Jan Wenzel und Sie betonen hingegen das Jahr 1990. Warum?

Alexander Kluge: Man kann nicht immer herumkauen auf der Phrase „Mauerfall“. Der Dezember und der November 1989, das sind sehr differenzierte Monate, die mit diesem Schlagwort nicht ausreichend beschrieben sind. Stefan Aust und Spiegel TV haben lebhafte Bilder dazu publiziert, aber die Realität war um Tausend Grade vielfältiger als alle publizierten Bilder.

Stattdessen könnte man zum Beispiel im Hotel Radisson im ehemaligen Ostberlin beginnen, wie Sie das in einer Ihrer Geschichten tun?

Wenn Sie 1990 ins Hotel Radisson gingen, im Dezember, dann sahen Sie alle Geheimdienste der Welt dort in der Hauptstadt der DDR versammelt. Sie belauerten sich. Jeder hatte andere Lösungsvorschläge für die Situation. Es war ein reiches politisches Feld. Ich habe so etwas nie sonst kennengelernt. Es war genauso eine Stunde null wie 1945. Eine Gründerphase.

Der Ausgang ist zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen. Im Jahr 1990 könnte sehr vieles noch geschehen, was auch die Lage von uns Heutigen sehr verändern würde.

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© Der Freitag, Ausgabe 11/2020

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