Vermeintlich Banales, wie akustischen Signale, die uns aus dem Alltag vertraut sind – z. B. Hupen oder Glocken – holt der Komponist Clemens Gadenstätter aus dem geläufigen Kontext und macht sie zum Gegenstand seiner semantischen Erkundungen.

Von Florian Neuner

Musik, so drückte der 1966 in Zell am See geborene und heute in Wien lebende Gadenstätter es einmal aus, bedeute, sich beim Hören zuzuhören. Seit Jahren arbeitet er konsequent daran, das akustisch vermeintlich Vertraute unvertraut erscheinen zu lassen und seine Hörer auf eine Meta-Ebene mitzunehmen – so in einer Reihe von Stücken, die er »Semantical Investigations« nennt. Akustische Signale werden untersucht und in neue Zusammenhänge gerückt. Die kompositorische Verarbeitung versetzt uns in die Lage, aus dem Reiz-Reaktions-Schema auszusteigen und über unsere akustische Alltagsumgebung neu nachzudenken.

Seufzer und musikalisches Donnergrollen

In einer anderen Werkreihe, die er »Iconosonics« nennt, nimmt sich Clemens Gadenstätter Formeln und Figuren vor, die traditionell mit außermusikalischer Bedeutung belegt sind. Ob es sich um den Ausdruck von Trauer handelt, Vogelstimmen, die Darstellung von Wolkenbrüchen oder Schlachtenlärm – im Laufe der Musikgeschichte ist dafür ein differenziertes Vokabular ausgeprägt worden, das in der Filmmusik auch heute noch breite Anwendung findet. »Iconosonics« können aber auch Zitate aus der musikalischen Tradition sein, die Gadenstätter aus den ursprünglichen Kontexten löst, um sie neu erlebbar zu machen.

Clemens Gadenstätter
Semantical Investigations II
Ensemble Modern
Sian Edwards, Ltg.

Figure – Iconosonics I
L’Instant Donné

 

© Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 16.4.2020

Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.