Das bürgerliche Musikmöbel des Klaviers wird in der Musik des 20. Jahrhunderts gründlich entstaubt. Sowohl durch die Hand von Komponisten, als auch durch die der Pianisten. Auch der junge Pianist Martin Klett erkundet das Klavier neu, um ihm klangmagische Welten zu entlocken. Bei George Crumb weitet sich das Instrument in kosmische Dimensionen aus.

 

 

George Crumb: Makrokosmos Volume I
12 Fantasiestücke über den Tierkreis (1972) für elektrisch verstärktes Klavier

Frank Bridge: „Dusk“, „The Dew Fairy“ und „The Midnight Tide“
aus The Hour Glass für Klavier

Martin Klett (Klavier)

(Konzert vom 3. Mai im Strawinsky Saal, Donauhallen, Donaueschingen)

George Crumb: Makrokosmos Volume I

Der amerikanische Komponist George Crumb hat seit dem ersten Band „Makrokosmos“ oft und gerne zyklisch angelegte Werke geschrieben. Zuletzt entstand so der Zyklus „Metamorphoses“, der auf zentralen Gemälden der modernen Malerei seit 1900 basiert und dessen Deutsche Erstaufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2017 zu hören war. Legendär geworden ist aber die 1972 begonnene Folge des „Makrokosmos“, die sich dann auf insgesamt vier Bände ausdehnte. Die ersten beiden Folgen sind für Klavier solo geschrieben, die beiden anderen für zwei Klaviere und Schlagzeug und Klavier vierhändig. In allen Zyklen ist das Klavier verstärkt und präpariert, und ungewöhnliche Spielweisen sind zu praktizieren, wie das Klopfen auf den Rahmen oder das Streichen über die Saiten. Darin hallt etwas von den rund dreißig Jahre früher entstandenen Stücken für präpariertes Klavier von John Cage nach, die den Klavierklang nachdrücklich zu verändern suchten, um den Klang des balinesischen Gamelan zu imitieren. Die Klangverwandlung ist dabei für Crumb ein ganz wesentliches Moment. Allerdings hat er dabei weniger Fernöstliches im Sinn, als vielmehr Alchemistisches. Und das Okkulte prägt schließlich auch maßgeblich den ersten Band des „Makrokosmos“, der den Tierkreiszeichen am Sternenhimmel gewidmet ist. Es geht nicht um die astronomischen Dimensionen, sondern um die astrologischen. Das lässt sich durchaus in der Tradition von Gustav Holsts bekannter Orchesterkomposition „The Planets“ lesen, wenngleich Crumb zu völlig anderen Ergebnissen kommt.

Die astrologische Dimension meint nicht zuletzt den Einfluss der Sternenkonstellationen auf die persönliche Entwicklung. Aus der Sternenkonstellation lässt sich also der Charakter ablesen. Und in diesem Sinne ist Crumbs „Makrokosmos“ auch eine Sammlung von Charakterstücken, wie sie im 19. Jahrhundert in einem romantischeren Sinne Robert Schumann in seinen Klavierwerken bereits entwickelt hat. Und wie Schumann widmet auch Crumb die Stücke konkreten Personen, die er aber nur als Kürzel bekannt gibt. Ganz ähnlich übrigens, wie auch Edward Elgar dies in seinen Rätselstücken der „Enigma-Variations“ betreibt. Hinter ein Rätsel lässt sich dabei einfach gelangen. Das fünfte Stück, der „gespenstische Gondolier“, steht im Zeichen des Skorpions. Der Skorpion bestimmt ab dem 24. Oktober das Lebenssschicksal. Und genau an diesem Tag wurde Crumb 1929 geboren. Dahinter versteckt sich also ein erstaunliches Selbstporträt, bei dem es durchs All heult und stöhnt. Alles andere bleibt rätselhaft.

Hinzu kommt nun eine eigenwillige Notationsweise. Crumbs Partituren sind nämlich alle grafische Kostbarkeiten, wirken selbst wie Bilder, die man zur bloßen Anschauungsfreude genießen könnte, auch ohne sie zu hören. Im „Makrokosmos“ sind Seiten beispielsweise in Form von kreuzförmigen oder spiralartigen Anordnungen notiert. Für derartig scheinbare Exzentrik existiert allerdings ein ganz maßgeblicher Begriff der ästhetischen Haltung: es ist der des „Manierismus“. Dieser einst abwertend gemeinte Begriff für die Malerei der Spätrenaissance wurde im 20. Jahrhundert längst einer grundlegenden Umwertung unterzogen. Kunstphilosophen wie Arnold Hauser oder Gustav René Hocke entdeckten in den Haltungen manieristischer Kunstformen, mit ihren höchst eigenwilligen, individuellen Verschrobenheiten und grafischen Wundern, den am höchsten ausgeformten Ausdruck des Individuellen. Und damit wurde der Manierismus selbst zu einem Kontinuitätsprinzip der individuellen Handschrift (vom Lateinischen Manus leitet sich der Begriff auch schließlich ab) und damit der Moderne. Und genau in diesem Sinne ist George Crumb einer der individuellsten Komponisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden, der sich im Grunde keiner Schule zuordnen und in keine Schublade einsortieren lässt. Er ist amerikanisch wie europäisch, international wie kosmisch, kompliziert wie einfach. Mit Sicherheit ist er aber der bedeutendste Klangalchemist in der Musik des 20. Jahrhunderts, der mühelos am Hof Kaiser Rudolfs II. im Prag des 16. Jahrhundert seinen Platz hätte einnehmen können – neben dem manieristischen Verwandlungskünstler Giuseppe Arcimboldo. Ein Klangmagier ist er jedenfalls bis heute geblieben. (Bernd Künzig)

© SWR 2, JetztMusik,

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