„Das Arbeitende Konzert“: Der Komponist und Vibrafonist Christopher Dell erklärt die Strukturen seiner musikalischen Welt. Von Gregor Dotzauer

Einmal vergleicht er sein Buch mit Aby Warburgs „Bilderatlas Mnemosyne“ – nur dass er statt visueller ausschließlich musikalische Muster sammelt. „Formblock“ sind die meisten von Christopher Dells Notenblättern überschrieben, manche davon rein grafischen Inhalts. Es gibt ein „Pattern Reservoir“, einen „Harmonic Pool“ und „Faust Link Actions“. Insgesamt 35 Seiten Material, das von Tempo- und Registeranweisungen bis zu akribisch festgehaltenen Tonreihen reicht.

Bausteine eines Werks, das eigentlich kein Werk ist, sondern ein unendlicher Prozess. Jede Realisierung, die „Das Arbeitende Konzert“ erfährt, ist schon eine Revision. Insofern schafft der auf Seite 199 abgedruckte QR-Code, der zum Download der jüngsten, parallel auf einer Doppel-CD erschienenen Aufnahmen berechtigt, vollendete Tatsachen, die mit Vorsicht zu genießen sind.

Was hier ein Sextett mit dem Schlagzeuger Christian Lillinger und dem Bassisten Jonas Westergaard an oftmals kleinsten Klangereignissen zusammenträgt, lässt sich nur als Dokument eines ewig Vorläufigen würdigen, das in seiner Spontaneität zugleich von einer erfüllten Gegenwart zeugt. Das gilt umso mehr, als Christopher Dell einen großen Teil seiner Musik nicht als reine Musik versteht, sondern als Installation in einem konkreten Raum: Man hat sie eigentlich nur live wirklich erlebt.

[Christopher Dell: Das Arbeitende Konzert / The Working Concert. Spector Books, Leipzig 2020. 202 Seiten, 28 €.]

© Der Tagesspiegel, Kultur, 25.11.2020

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