In gut 40 Minuten geht es mit diesem spielfreudigen Ensemble wie mit einer Zeitmaschine durch die Jazzgeschichte. Aber nicht chronologisch, sondern mittels einer stimmigen Dramaturgie, ist es ein Wechselbad im Schnelldurchgang. Da kommt keine Langeweile auf, im Gegenteil. Man wünscht sich ein volles Konzert!

Das von Reinhold Friedl gegründete Ensemble Zeitkratzer hatte noch nie irgendwelche Berührungsängste mit verschiedenen Genres oder dergleichen. Zwischen Kraftwerk, Lou Reed, Keiji Haino, Carsten Nicolai, Terre Thaemlitz, Volksmusik und neuer Volksmusik fühlen sie sich Zuhause.
Sie überraschen uns Hörer immer wieder mit neuen Ideen. Inwieweit der Titel der CD „The Shape of Jazz to Come“ programmatisch gemeint ist, kann ich nicht sagen.  Nur zur Erinnerung, „The Shape of Jazz to Come“ (1958) ist der Titel des 2. Albums von Ornette Coleman und gilt mittlerweile als eines der wichtigsten Veröffentlichungen im Jazz überhaupt. Markiert diese doch den Übergang zum Free Jazz. Wegweisend ist sie bis heute!

Auslöser für das Jazzprojekt war das Zusammentreffen von Zeitkratzer und Mariam Wallentin bei einem Jazzfestival in Frankreich. Ihr Timbre und ihre Phrasierung erinnern mich an die große Jeanne Lee. Im Norden Europas ist Sie bekannt und
Wurde mit dem schwedischen Jazzpreis ausgezeichnet. Sie ist für mich die Überraschung auf dieser Veröffentlichung.

Reinhold Friedl kuratierte die Wiederveröffentlichung von „Richard Muhal Abrams – Celestial Birds“ auf Karlrecords anfang des Jahres. Siehe hierzu auch meinen CD-Tipp. Und so verwundert es nicht, dass der „Bird Song“ aus jener Veröffentlichung, hier den Anfang macht.
Es ist herrlich zu hören wie sich die Musiker allesamt in Vögel verwandeln um dann, fast übergangslos, sich in Dixieland zu stürzen. Um einer der schönsten Kompositionen anzustimmen: „Struttin’ with Some Barbecue“ von Lil Hardin Armstrong.
Wunderbar ist es auch wie sich die Musiker in den Song „Cry me a River“ hin-ein-weinen, dass es nur so eine Freude ist.
Ja es ist eine Freude alle beim Jazz musizieren zuzuhören. Ich mag hier niemanden hervorheben, außer einer Lady.
Mariam Wallentin prägt diese 40 Minuten mit Ihrer Musikalität und stimmlichen Beweglichkeit.

Hier passt alles zusammen. Es ist dreckig und laut, wieder zart und besinnlich, zum Tanzen und zum Weinen und natürlich Free! Wo werden sie spielen und was ist das nächste Projekt?

Recorded live at Festival Sacrum Profanum in Krakow, Poland.

directed by Reinhold Friedl
Frank Gratkowski alto saxophone, bass clarinet
Hayden Chisholm alto saxophone, clarinet
Hild Sofie Tafjord french horn
Hilary Jeffery trombone
Reinhold Friedl piano
Maurice de Martin drums, percussion
Lisa Marie Landgraf violin
Ulrich Phillipp doublebass
Martin Heinze doublebass
Special guest: Mariam Wallentin (voice)
Recorded live by Robert Nacken at Festival Sacrum
Profanum, Krakow, Poland (September 2018)
Mixed by Nik Hummer, Vienna
Mastered Helmut Erler, dubplates Berlin
Produced by Reinhold Friedl
Photo Michał Ramus for KBF
Cover design: Julia Heimerdinger
Layout: Kaidoh

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