Hier braucht es ein wenig Zeit, bis sich die Schönheit und die Faszination dieser Musik offenbart, denn Sie erfordert unsere gesamte Aufmerksamkeit. Ein Abschalten vielleicht, damit wir den ganzen Lärm, der uns umgibt, ausblenden können. Kopfhörer sind da sicher nicht falsch. Diese Musik hat auch viel mit der Art zu tun, wie wir die Plätze und Orte an den wir uns aufhalten bewusst oder unbewusst wahrnehmen.

„Was immer für Raum und Zeit gilt, so viel gilt auch für den Ort: wir sind in ihn eingetaucht und könnten nicht ohne ihn auskommen. Überhaupt zu sein – in irgendeiner Weise existieren – bedeutet irgendwo zu sein, und irgendwo zu sein bedeutet an irgendeinem Ort sein. Der Ort ist so notwendig wie die Luft, die wir atmen, den Boden, auf dem wir stehen, die Körper, die wir haben. Wir sind umgeben von Orten. Wir gehen über und durch sie hindurch. Wir leben in Orte, beziehen sich auf andere in ihnen, sterben in ihnen. Nichts, was wir tun, ist Unorte“

— Edward S. Casey

Ingo von Myrlandfilms wurde eingeladen die Aufnahmen von Vilde&Inga mit der Kamera zu begleiten und zu dokumentieren. Ich habe ihn gebeten seine Eindrücke zu schildern, so können wir uns ein Bild machen und das Entstehen Ihrer Musik besser verstehen. Ein großes Dankeschön an Ingo für seinen Text.

Ich hatte über ihre ersten beiden Alben geschrieben, und habe dann mal einige der Stücke vom zweiten Album im Schnitt eines langen Dokumentarfilm über eine ältere  Künstlerin (Else Winnewisser) verwendet (der noch nicht fertig ist). Deshalb habe ich die beiden vor einiger Zeit (vor knapp zwei Jahren) kontaktiert und wir trafen uns hier um die Ecke in Berlin zum Schauen meiner Dokumentarfilmausschnitte und zum Gespräch.

 

Foto: Ingo J. Biermann


Dann fragte ich, ob ich im Gegenzug für die Erlaubnis der Nutzung der Musik vielleicht etwas für sie filmen könnte, ob sie nicht demnächst ein Album aufnehmen oder so. Und da ergab es sich, dass die Aufnahmen für das neue Album mit Sound Engineer/Designer Benjamin Maumus aus Südwestfrankreich vor der Tür standen. Und so bin ich im Mai 2019 eine Woche nach Oslo gefahren, als sie an diesen verschiedenen Orten das Album aufnahmen. Das war eigentlich eine der angenehmsten Zusammenarbeiten, die ich in dieser Art bisher hatte. Die beiden sind super kreative Musikerinnen, und sie haben noch eine Unmenge mehr an spannenden, tollen Strecken aufgenommen, die nicht auf dem Album sind. Auch an anderen Orten als denen, die jetzt auf den CDs vorhanden sind. Kurz war mal die Überlegung, ein 3-CD-Set zu machen, mit drei verschiedenen Themengebieten. Ich hoffe sehr, dass sie von den Aufnahmen aus dem Studio noch mehr veröffentlichen; davon sind leider viel zu wenige auf dem fertigen Album. Ich habe dan auch angeboten, dass ich ein Auto in Berlin mieten kann, mit dem wir alle vier herumfahren können, denn erstens würde ich sowieso am liebsten mit einem Auto anreisen (statt mit Flugzeug) und zweitens wäre das extrem viel günstiger, wenn wir ein Auto für die ganze Technik (und den Kontrabass) in Berlin mieten als in Oslo (wo die Preis schnell drei- bis viermal so hoch sind.) Also war ich während der Woche auch der Fahrer für die Drei, was mir natürlich auch gut gefallen hat. So war es für alle Beteiligten am entspanntesten, zumal wir einmal über Nacht auch zu einer Hütte mitten im Wald gefahren sind (wo wir mit der Technik und allem Gepäck, inklusive Essen, 20 Minuten zu Fuß durch den Wald gehen mussten). 

Making Of How Forest Think


Die Musik ist zwar „frei improvisiert“ aber die Stücke wurden mehr und mehr verfeinert und z.T. auch an verschiedenen Orten gespielt. Das heißt. es gibt von vielen der Stücke verschiedene „Etappen“ und Versionen, aber das meiste, was jetzt auf dem Album ist, sind ganze Takes. Nur weniges wurde verkürzt. Im Prozess haben sie die Aufnahmen immer wieder angehört (das habe ich auch alles mitgefilmt) und darüber gesprochen — und dann überlegt, wie sie die Stücke verbessern, verdichten können. So entstanden eigentlich Kompositionen auf der Basis von Skizzen und Improvisationen. Ganz ähnlich hat das im September 2019 dann übrigens auch Sigurd Hole gemacht, der sein Solo-Bass-Doppelalbum in Fleinvær, einer Inselgruppe im nordnorwegischen Bundesland Nordland, aufgenommen hat, wo er mich zuvor gefragt hatte, ob ich mit Foto und Videokamera dabei sein wolle. 


Besonders spannend finde ich, wie kreativ und frei sie mit den Instrumenten umgehen, klanglich wie kompositorisch. Es gibt ja unglaublich viel frei improvisierte Musik, und vieles geht dann immer in eine ähnliche Richtung, d.h. man hört sehr oft ähnliche Ansätze und Motive, auch wenn es andere Gruppen sind. Sowohl Sigurds Album als auch das von Vilde&Inga finde ich deshalb faszinierend, weil selbst jemand wie ich, der schon viele hundert Alben dieser Art gehört hat, hier noch tolle Ideen entdecken kann, die wirklich einzigartig sind. Und beide Alben entstanden ja auch aus der konkreten Auseinandersetzung mit bestimmten Orten heraus, eine Sache, die mich als Filmemacher auch immer sehr interessiert, und die in meinen Filmen oft eine Rolle spielt. 
Gedacht hatte ich eigentlich, dass ich eine deutlich längere Videodokumentation zum Album mache, zumal ich ja wirklich so gut wie alles mitgefilmt habe. Aber das ist natürlich auch ein ganz schöner Aufwand, und dafür reichen dann Zeit und Kosten aktuell auch nicht. Da die beiden nur ein kurzes Video von ca. 5-6 Minuten wollten, bleibt der größte Teil meines Materials eben unverwendet. Aber vielleicht mache ich irgendwann noch ein oder zwei Videos zu kompletten Stücken. Wenn das Material passt und gut aussieht. 

Foto: Ingo J. Biermann


Benjamin Maumus war bei den Aufnahmen so eine Art Mischung aus (Co-)Produzent und Toningenieur. Da allerdings von Anfang an die Herangehensweise wichtig war, die Instrumente auf ungewöhnliche Weisen einzusetzen und dabei auch spezielle Mikronfonierungen zu verwenden, war seine Rolle natürlich mehr als nur die des Tonmeisters. Es wurde alles miteinander besprochen, wenngleich Vilde und Inga am Ende die letzte Entscheidung hatten (in Absprache mit Ingar Zach vom Label „Sofa Music“, der speziell in der Postproduktion, d.h. Auswahl und Zusammenstellung der Stücke) auch eine Art Produzenten-Rolle innehatte. Bei den Aufnahmen im Studio wurde viel ausprobiert mit unterschiedlich nahen Mikrofonen, im Mausoleum und im Wald wurde dagegen viel mit verschieden positionierten Mikrofonen ausprobiert, wie man auch auf den Fotos im Beiheft und im Video sieht, z.B. standen die beiden manchmal in unterschiedlichen Positionen im Raum oder sogar außerhalb des Raums (eine drinnen, eine draußen etc.), um so den Nachhall und die verschiedenen Klangeigenschaften der Instrumente unterschiedlich herauszuholen. 
Im Wald und am Hafen wurde viel mit den Originalgeräuschen der Orte gearbeitet, d.h. hingehört und darauf reagiert, sozusagen eine Art Verbindung zwischen den dokumentarischen Feldaufnahmen vor Ort und den reduziert gespielten Instrumenten geschaffen. Im letzten Teil des Kurzvideos sieht man davon etwas. Deshalb nehmen die akustischen Räume auf dem Alben eine wichtige Rolle ein. Es geht also um mehr als nur um die zwei Streichinstrumente, sondern immer auch um die Orte an sich. Das finde ich sehr spannend, und das ist eine deutliche Fortentwicklung im Werk der beiden, nach den ersten beiden Alben. Auf „Sofa Music“ gibt es ja noch einige ähnliche Projekte, die an speziellen Orten entstanden sind und diese thematisieren, zum Beispiel die Aufnahmen von Mural in der Rothko Chapel in Houston, die „Crooked Forest“ -Albenserie der Sheriffs of Nothingness in einer Hütte im Wald oder das sehr spannende Album “Off the coast” von Henrik Munkeby Nørstebø und Daniel Lercher, auf einer abgelegenen norwegischen Insel. „ © Text: Ingo J. Biermann

Der Eindruck des Ortsgefühls kann sowohl aus einem Gefühl der Klarheit als auch aus einem Sinn für das Mystische entstehen, aus Zurückhaltung und einer Fülle von Wahrnehmungen, Regelmäßigkeit und Spontaneität. Ein Ort hat Grenzen, Größe und Maßstab, aber er kann immens sein wie ein Kontinent oder ein Land, groß wie eine Stadt oder ein Platz oder ein Boulevard, klein wie das eigene Heim oder ein einzelner Raum, oder intim wie der Lieblingsplatz in einem Café.

Understanding Architecture, Robert McCarter & Juhani
Pallasmaa

Die Musik von Vilde&Inga erweitert unseren Horizont, schafft neue Perspektiven, verändert unsere Wahrnehmung. Macht uns unsere Umgebung, unsere Plätze und Orte bewusster. Man wird aufmerksamer. Was kann man besseres wünschen? Nehmt euch die Zeit diese Musik kennenzulernen, es lohnt sich sehr!

2 Comments

  1. Vielleicht hätte ich noch erwähnen sollen, dass ich auch die beeindruckende Gestaltung des Albums vermittelnd mitverantwortet habe. Mehr über die Künstlerin, die diese aufwendige Gestaltung gemacht hat, kann man hier sehen:
    https://www.instagram.com/fienescharp
    http://fienescharp.de/de/about

    Und hier wurde vom RBB letzten Monat ein kleiner Videobeitrag gedreht:
    https://www.rbb-online.de/rbbkultur-magazin/archiv/20201024_1830/papierkunst-fiene-scharp.html

Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.