CD Tipp: „Resonant Dowland“ Matthias Engelke / gruenrekorder 197

Shakespeare und sein Zeitgenosse John Dowland sind heute immer noch aktuell. Shakespeares Dramen werden auf allen Bühnen der Welt gespielt. Und John Dowland? Auf LastFM, nur als Beispiel, haben seine Lieder in diesem Jahr 102.000 Hörer gefunden. Das finde ich beachtlich. Wie können neue Hörer einen Zugang zu seinen Liedern finden? Eine interessante und sehr hörenswerte Möglichkeit hat Matthias Engelke mit seinem Projekt „Resonant Dowland“ gefunden.

Ich möchte mich recht herzlich bei Matthias Engelke bedanken, dass er mir auf meine Fragen sehr umfangreich geantwortet hat und ich diese hier einbinden kann.

Schon in seiner Jugend ist Matthias Engelke mit der Musik von John Dowland in Berührung gekommen. Seine Mutter, die Barock Flötistin ist, führte mit u.a. Bob Spencer ausgewählte Songs von John Dowland auf, wie „In darkness let me dwell“ oder „Come again“. Der Zauber dieser Musik faszinierte ihn schon damals.

„Sorrow, stay“ aus: „Resonant Dowland“

„Diese Faszination hat bis heute angehalten und sich noch gesteigert, nachdem sich neben der Wertschätzung der musikalischen Raffinesse seiner Songs auch ein zunehmendes Verständnis für den Inhalt, Gestaltung und Vertonung der kunstvollen Texte einstellte. In der deklamatorischen Vertonung der Lyrik der Renaissance bilden Text und Melodie eine außergewöhnlich homogene Einheit, die sich selbst in dem gänzlich anderen klanglichen wie ästhetischen Kontext meiner elektronischen Klangwelt ihre Wirkung bewahrt. Diese Einheit von Melodie und Text habe ich auch bei Resonant Dowland bewusst intakt gelassen.“

Matthias Engelke
Foto series „Licht/Light“ by Gustav Franz / Booklet

Dieses Einbinden in die eigene Klangästhetik ist sehr reizvoll. Man hört den barocken Stil stets in der Melodie und das Ganze wird auch noch hervorragend gesungen. Durch die Verarbeitung und das Herausschälen wird Dowlands Musik neu erfahrbar. Die elektronischen Klänge lassen ganz neue Atmosphären zu. Ein eigenständiges Werk entsteht. „Flow my Tears“ klingt wie ein Erinnern an jene frühen Konzerte. Ein Nachhall der frühen Konzerterlebnisse, der sich durch die vielen Jahre verändert und jetzt einen neuen Weg gefunden hat. Sehr gut ist auch das Nutzen der Stimme als Material, wie es Matthias Engelke hier anwendet, bewusst und liebevoll, ja liebevoll, wird hier der Gesang in neuen Kontext gestellt und eröffnet uns vielfältige Assoziationsmöglichkeiten. Ein weiteres gutes Beispiel für diese Arbeit mit der Stimme wäre auch „I must complain“.

Hier dazu 2 Musik Beispiele die diese Unterschiede zwischen einer normalen Interpretation und der von Matthias Engelke hörbar machen:

„Flow my Tears“ in einer üblichen Variante
„Flow my Tears“ aus: „Resonant Dowland“

Beim Komponieren von Bühnenmusiken ist die klangliche Vorstellung eines Raumes wesentlich für Matthias Engelke:

„Eine solche „Raumvorstellung“ stand zum Beispiel am Beginn des Arbeitsprozesses von „Flow my tears“. Ein riesiger Raum sollte von einer leisen, kaum bewussten wahrnehmbaren klanglichen Atmosphäre durchflutet sein: nicht zu orten, nicht ohne weiteres zu definieren (harmonisch wie rhythmisch), omnipräsent. In diesem physischen wie klanglichen Raum sollten sich Sänger und Stimme bewegen, zwar umgeben von Raum und Atmosphäre, sich aber dennoch durch Präsenz und Ortbarkeit davon absetzen.“

Matthias Engelke

Eine gängige Praxis, um aus etwas Bestehendem etwas Neues zu schaffen, ist das Dekonstruieren. Matthias Engelke zeigt, dass das nicht unbedingt notwendig ist und man einen anderen Zugang finden kann. Diesen anderen Zugang findet Matthias Engelke über seine Arbeit mit Bühnenmusiken. Sie sind immer zeitlich und räumlich gebunden. Theater sind quasi die Spezialisten, wenn es um das Transformieren und Übersetzen von Stücken (Texten) in unsere heutige Zeit geht.

„White as lilies was her face“ aus: „Resonant Dowland“

„Bei „Resonant Dowland“ war es mir ein wichtiges Bestreben zu erkunden, was die Songs von Dowland mit mir als heutigem Menschen zu tun haben, was dies Aufeinandertreffen der Musik aus einer völlig anderen Epoche mit meiner heutigen Ästhetik für eine Wirkung auf mich hat, ob sich meine Wahrnehmung und die Wirkung der verwendeten Bilder und Metaphern auf mich durch einen zeitgenössischen ästhetischen Rahmen verändert.“

Matthias Engelke

Eine Entdeckung für Dowland-Kenner und -Neulinge. Das Essay „Palimpsest“ von Christian Lemmerich ist allein schon die Anschaffung dieser CD wert.


Das Faszinierende an der Umsetzung von „Resonant Dowland“ ist der Kontrast der Stile, der keine Reibung im Sinne von Konflikt erzeugt, sondern eine Verschmelzung erreicht, die eine ungeahnte Selbstverständlichkeit hat. Unbedingt anhören!

Foto series „Licht/Light“ by Gustav Franz / Booklet

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