Ein ganz seltener Moment war das: dieser Abend des 18. November 2011. Ein Moment besonderer Intimität. So nah wie an diesem konnte ein Publikum dem Pianisten Cecil Taylor zumindest in Europa sonst so gut wie nie sein.

Nicht vor gut tausend Zuhörern wie einige Jahre vorher im Prinzregententheater des nicht weit entfernten München war der Musiker nun zu erleben, sondern vor rund einhundert Zuhörern im Jazzclub Birdland in Neuburg an der Donau. Neuburg ist eine Renaissancestadt mit 28 000 Einwohnern auf halber Höhe zwischen München und Nürnberg, und der dortige Jazzclub zieht seit Jahrzehnten mit einem ungewöhnlich gut gestalteten Programm Musikfans aus einem weiten Umkreis in den schönen Raum eines historischen Kellergewölbes. Dort also: Cecil Taylor, der kleine, magere Mann mit der großen Energie; der Meister der freien Klänge, die wie Donner dröhnen und wie splitterndes Glas klirren konnten. Was für ein Kontrast! Und was für ein Musik-Erlebnis! © Text: Roland Spiegel, Musikredakteur des Bayerischen Rundfunks, März 2020.

Towers of Letters and a Delicate Echo
Cecil Taylor and Tony Oxley in a basement vault in Germany in 2011

released June 1, 2020

Cecil Taylor – piano
Tony Oxley – drums

All Music by Cecil Taylor & Tony Oxley
Recorded at Birdland 18th of NOvember, 2011, Neuburg
Sound engineering and mixing: Thomas Schinko
Sound technician: Klaus Billmeier
Radio producer: Roland Spiegel

Mastering: Grzegorz Piwkowski (Highend Audio)
Liner Note: Roland Spiegel
Translation to English: James Keller
Cover Design: SEMAFOR
Executive Producer: Maciej Karłowski

Für mich als Verantwortlichen des Bayerischen Rundfunks für diese Aufnahme hatte dieses Erlebnis schon am Nachmittag begonnen, als Cecil Taylor sich einspielte: Zwei Stunden lang saß der damals 82-jährige Musiker im weiten, über der Hose hängenden Hemd und in riesigen weißen Turnschuhen am Flügel und ging Akkorde, chromatische Eruptionen und schnelle Unisoni durch. Akribisch wirkte er, als er den Ort erspürte und sich auf den Moment des Auftritts vorbereitete. Immer wieder spielte er ganz ähnliche Figuren, und es schien, als sortiere er Material für die Improvisation am Abend zusammen mit dem Schlagzeuger Tony Oxley, einem seiner langjährigen Weggefährten.

Im Konzert dann: ein großer Spannungsbogen, der sich aus ziemlich leisen, tastenden Passagen immer wieder zu energiegeladenen Höhepunkten steigerte. Wirbelnde Tonfolgen, Cluster, Bassfiguren wie die des „Gnoms“ in Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ – und dazu die rumorende Anarcho-Percussion von Tony Oxleys unorthodox zusammengestelltem Drumset. Ein Konzert, das in einem Teil von rund 41 Minuten und einem von etwa 15 Minuten Musik – sowie einer schlagzeugbegleiteten Rezitation von lyrischen Texten – einen bezwingenden Spannungsaufbau fand. Übrigens gab es Notiertes dazu: nicht „Noten“, sondern Notizen, die Cecil Taylor vor sich liegen hatte: meist Großbuchstaben, die er übereinander geschrieben hatte und die wohl die Namen von Noten waren. Diese Buchstaben-Türme ergaben auf wechselnden querliegenden DINA-A-4-Blättern krumm abstürzende Zeilen, aus denen immer wieder kleinere hervorwuchsen. Eine mal wilde, mal geordnete Landschaft aus Bleistift- und Rotstift-Aufzeichnungen war also die Skizze zu dem, was man an jenem Abend von Taylor auf dem Bösendorfer-Flügel des Jazzclubs hörte.

Fast wie eine riesige Welle, die immer mehr Material mit sich reißt, anwächst und eine ungestüme Kraft entfaltet, ballten sich im ersten Teil die Energie und Dynamik des Duo-Konzerts zusammen – wobei diese Welle dann auch wieder abebbte und leise Inselchen bildete. Der zweite Teil dann in der letzten Viertelstunde des Auftritts begann ganz leise, für Taylors Verhältnisse geradezu zart, und zu diesem Ausdruck fand er ganz zum Schluss des Konzerts zurück: eine Musik, die hier fast wie ein poetischer Nachhall von Taylors Lebenswerk wirkt. Und die in einer ganz lakonisch hingeworfenen Figur endet.

Wie ein Augenzwinkern war der Schluss dieses Konzerts. Wie ein selbstironisches Auflösen der vorher angestauten Spannung. Cecil Taylors Musik war auch hier noch ein Existenz-Erlebnis: ein schroff-unvermitteltes Suchen und Finden von Tönen aus dem Moment heraus, eine Ästhetik, die vorbehaltlos radikal war. Aber Taylors Radikalität verband sich gerade in diesem Moment seines Spätwerks mit einer überraschenden Gelöstheit. Der wilde Mann am Klavier präsentierte sich in einer fast kindlichen Verspieltheit. Seine Musik war dabei vielleicht momentweise sanfter, aber keineswegs harmloser als früher: immer noch eine Musik ohne jeden Kompromiss. In dieser Aufnahme, finde ich, kann man sie besonders genießen: Man spürt die Intimität des Spielorts, hört es am Klang der Musik, dass der Raum relativ klein ist, und am Applaus, dass hier ein kleiner Kreis von Zuhörern ein Ausnahme-Erlebnis hatte. Schön, dass nun mehr Menschen dieses Erlebnis teilen können! © Text: Roland Spiegel, Musikredakteur des Bayerischen Rundfunks, März 2020.

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