CD TIPP: „Blue“ Gene Tyranny – Out of the Blue / Unseen Worlds // SZ, Retrokolumne

Robert Sheff alias „Blue“ Gene Tyranny wird kaum jemandem ein Begriff sein, dabei hat sich der Texaner als Pianist, Arrangeur und Komponist Neuer Musik durchaus einen Namen gemacht, hat mit Laurie Anderson, John Cage und der Jazzpianistin Carla Bley zusammengearbeitet, einmal hat er fast einen Grammy gewonnen.

Von Thomas Bärnthaler

1973 sprang er sogar kurzzeitig als Live-Pianist bei Iggy & The Stooges ein. Der Mann konnte nicht nur E, sondern auch U. Was er fünf Jahre später eindrucksvoll auf seinem jetzt wiederveröffentlichten Debüt „Out Of The Blue“ unter Beweis stellte, einem der wundersamsten Alben der Siebzigerjahre. Sheffs Idee war, ein Pop-Album aufzunehmen mit den Mitteln der Avantgarde. Dazu schrieb er einen Zyklus aus vier Stücken, die sich Genrezuordnungen widersetzen. „Next Time Might Be Your Time“ mag als Folkballade daherkommen, wären da nicht die Synthesizerakkorde, die unvorhersehbaren Melodiewechsel und das Steely-Dan-mäßige Saxofon. Das Instrumental „For David K.“ ist komplexe Groove-Kunst ohne anstrengende Solo-Angebereien. Die Piano-Komposition „Leading A Double Life“ für zwei Sopranstimmen wiederum verbindet Elemente des Gospel mit neuer Kammermusik. Vollkommen ins Driften gerät das Album bei „A Letter From Home“, einem 25-minütigen Tongedicht mit zwei Erzählstimmen, die sich mit auf- und abtauchenden Melodien und wiederkehrenden Gesangsmotiven verbinden, ganz so, als drehe jemand langsam am Senderknopf eines Radios. Auf einem Frequenzband, das nicht von dieser Welt scheint. © Süddeutsche Zeitung, Retrokolumne, 12.8.2019

Pressestimmen:

„…my favorite avant garde pop record, with all the sublime kitsch and profoundly
ironic relish of a pure postmodern moment… transferred to CD, Out of the Blue
sounds still more vivid now. To use Peter Gordon’s words, this is „gorgeous“
music.“ – The Wire

„Though sounding timeless, just try to find another album in which the AM folk
pop stylings of Carole King rest heads comfortably with Poppy Nogood-era Terry
Riley. Each of these four long tracks moves about though, from song to rock to
minimalism and back, providing a wonderful entry into the world of this most
cherubic figure of the American vanguard and modern classical.“ – Other Music

„… an ambitious and moving masterpiece… takes up half the record. It is ‘Letter
From Home,’ an epistolary song in the tradition of Harry Partch’s ‘Letter’ “ – The
New York Times

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