Der französische Autor Boris Vian pfiff in den vierziger Jahren auf die Konventionen der Literaturszene. Dafür bekam er jede Menge Ärger. Von Frédéric Valin

Was sollte man unbedingt machen, wenn man ein berühmter Schriftsteller werden will? Man beschimpft erst mal alle Koryphäen der literarischen Welt. Das jedenfalls dachte sich offenbar der französische Schriftsteller Boris Vian. 1946 reichte er sein Manuskript »L‘Écume des jours« (Der Schaum der Tage) bei Gallimard ein, dem damals wichtigsten französischen Verlag. 

Der Stoff des Romans »Ich werde auf eure Gräber spucken« ist zwischen Trash und Hochkultur angesiedelt, er wirkt heutzutage wie maßgeschneidert für einen Tarantino-Film.

Frédéric Valin

In dem Roman taucht eine Figur namens Jean-Sol Partre auf, unsympathisch, egoman, angehimmelt von der Jugend der Hauptstadt. Jean-Paul Sartre fand das Ganze überaus komisch, er ließ Teile des Romans in seiner Zeitschrift Les Temps modernes abdrucken und versprach, als Juror bei der Verleihung des Prix de la Pléiade für Vian zu stimmen; der Preis, den man nur für ein unveröffentlichtes Manuskript erhalten konnte, verpflichtete Gallimard zur Veröffentlichung des Buches. Mehrere ­andere Juroren kündigten an, es Sartre gleichtun zu wollen. Umso enttäuschender für Vian, dass sie ihr Versprechen nicht hielten und der Preis an ­seinen Gegenkandidaten ging, Jean Grosjean.

Vian hielt seinen Unmut nicht zurück: Er beschimpfte öffentlich jene Jurymitglieder, die ihm ihre Stimme trotz des Versprechens nicht gegeben hatten, und schrieb ein Gedicht darüber, dass er den Preis nicht gewonnen hatte. In den folgenden Monaten spielte er in seinen Texten immer wieder auf diesen Verrat an: Er benannte sadistische ­Romanfiguren nach Jurymitgliedern und ließ keine Gelegenheit aus, nach­zutreten. In einem Gedicht phantasierte Vian davon, wie er zwei ranghohen Verlagsmitarbeitern auf den Kopf pisst.



© Jungle World, Geschichte, 23.12.2020

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