Um acht Uhr morgens des 16. Juni 1904 beginnt „Ulysses“. Auf 700 Seiten, 1.000 in deutscher Übersetzung, beschreibt James Joyce‘ monumentaler Roman einen einzigen Tag im Leben dreier Menschen in der Stadt Dublin: des Anzeigenmaklers Leopold Bloom (Ulysses), des Lehrers Stephen Dedalus (Telemach) und von Blooms Gattin Molly (Penelope).

Feature von Johann Kneihs

Achtzehn Orte, achtzehn Stunden, achtzehn Episoden aus Homers Odyssee – transformiert an die Schauplätze einer modernen Großstadt: Eine Zeitungsredaktion als Sitz von Äolus, dem Gott der Winde; Ormond Bar als Wohnort der Sirenen; Nausikaa am Sandymount Strand, Scylla und Charybdis in der irischen Nationalbibliothek, die Ochsen des Sonnengotts im Krankenhaus. Die Zauberin Circe verwandelt Männer in Schweine – in einem Hinterhofbordell.

„Ich möchte ein so vollständiges Bild von Dublin zeichnen, dass die Stadt, sollte sie eines Tages vom Erdboden verschwinden, nach meinem Buch wieder aufgebaut werden könnte.“ Dabei entstand „Ulysses“, nachdem sein Autor Irland für immer verlassen hatte, in Triest, Zürich und Paris, wo Futurismus, Dadaismus und Kubismus in die 7-jährige Arbeit einflossen.

„Ulysses“ handelt und handelt nicht von Dublin: ständig wechseln Geschehen und Gedanken, außen und innen. Die physische Umgebung der Stadt löst Assoziationen, Fantasien, vom Korsett der Syntax befreite Bewusstseinsströme aus – bis zum abschließenden Monolog: Ein einziger Satz über 75 Seiten, gesprochen in den frühen Morgenstunden von Molly Bloom in ihrem Bett in der Eccles Street Nr. 7.

Seit Jahrzehnten werden in Dublin die Ereignisse des Romans alljährlich am „Bloomsday“ nachgestellt.

© Ö1, Museum der Meisterwerke, 27.8.2017

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