Der Komponist György Ligeti war der grosse Universalist in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts – deshalb wird sein Werk fortleben.

György Ligetis Gedanken waren viel rascher, als er sie aussprechen und artikulieren konnte – so habe ich ihn einst erlebt bei der Einführung in eines seiner Werke. Diese Intensität seiner Worte stammte vermutlich aus einer erhöhten Aufmerksamkeit der Welt gegenüber, die er nach eigenem Bekenntnis synästhetisch erlebte. In dem Gesprächsbuch «Träumen Sie in Farbe?» bemerkt Ligeti an einer Stelle, er träume in intensivsten Farben, ganz in der Art von Filmen in Technicolor: Ligetis Wahrnehmung war analytisch und sinnlich zugleich. Musik ist ein sich ausdehnender grosser Körper. Ganze Landschaften werden von Musik und Geräuschen bespielt. Stehen wir am Fenster und hören hinaus ins halbkugelige Gelände, sind wir vielschichtig davon umgeben. «Atmosphères» (1961) für grosses Orchester ist eines dieser frühen Werke Ligetis, die Klänge als Skulpturen vor uns aufbauen und ein dichtes Gewebe von Tönen über den ganzen Klangraum spannen. Musikalische Form wird als Zeichnung im Raum dargestellt….

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© NZZ, 21.11.2015,  Edu Haubensak / (Bild: Jacqueline Salmon / Artedia / Leemage)