Der langjährige Musikredakteur Wolfgang Martin über Wege, wie die West-Musik ins Ostradio gelangte und wie das Jugendradio DT64 abgewickelt wurde.

BerlinDie Frage, wie die West-Musik ins Ost-Radio kam, hat man sich in der DDR kaum gestellt, auch weil die wenigsten Bürger überhaupt Ost-Sender hörten. Dabei unternahm der Staat einiges, um junge Menschen zu den politisch gelenkten Sendern und Programmen zu locken – vornehmlich mit Hilfe von Musik und ab 1986 mit dem eigenen Sender Jugendradio DT64, benannt nach einem Programm zum Deutschlandtreffen von 1964. Zu diesem Thema ein Gespräch mit Wolfgang Martin, langjähriger Musikchef im Ost- wie im West-Rundfunk.

Herr Martin, die West-Musik fand ja auf abenteuerlichen und vor allem rechtlich zweifelhaften Wegen ins Ost-Radio, schreiben Sie. Jede Zeit hatte andere Wege. Wie fing es an? West-Musik sollte ja möglichst wenig gespielt werden und noch weniger kosten.

Die Anfänge liegen vor meiner Zeit und sind heute unvorstellbar: Der DDR-Rundfunk soll tatsächlich die Musik im Westradio mitgeschnitten und gesendet haben. Das änderte sich. Als ich in den 1970ern dort anfing, wurde die Musik von Schallplatten mehr oder weniger illegal auf Magnettonband umgeschnitten und so ein eigenes großes Archiv aufgebaut. Wir Mitarbeiter brachten unsere eigenen West-Platten dort ein, die uns Künstler geschenkt oder die wir sonstwie erstanden hatten.

Später fuhr Ihr Chef nach West-Berlin auf Shoppingtour – wie stellt man sich das vor? Wie hoch war sein Etat?

Das wurde vor Redakteuren natürlich geheim gehalten. Wir haben uns ausgerechnet, dass es 300 bis 400 DM monatlich gewesen sein müssen. Es kamen jeden Monat vielleicht 20 neue Platten ins Archiv, zu 20 bis 30 DM das Stück. Manchmal konnten wir uns Titel wünschen. Der Chef fuhr nach West-Berlin und kaufte dort etwa bei WOM ein, dem Plattenladen World of Music, nicht bei der Plattenfirma.

c© Berliner Zeitung, Kultur & Vergnügen, 22.9.2020

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