„Autorität und Askese“ Macht die Pandemie Schafe aus uns allen? Von Michael Reitz

Vor allem der zweite Lockdown bescherte uns eine Diskussion der besonderen Art: Eine Gesellschaft, in der alles erlaubt ist, musste plötzlich eine Debatte über Askese führen – freiwillige wie erzwungene.

Eigenmächtigkeit, Missachtung und Ungehorsam werden plötzlich zum Gegenstand eines gesellschaftspolitischen Diskurses. Wo fängt angesichts staatlich verordneter Einschränkungen die Übertretung, die Grenzverletzung an und worin besteht sie? Womit begründen wir sie? Was braucht der Mensch, worauf kann er verzichten, materiell und seelisch? Entsteht hier die Kultur einer permanenten Selbstbefragung und Selbstauskunft?

Der französische Philosoph Michel Foucault sprach in diesem Zusammenhang von der sogenannten Pastoralmacht: Wie ein guter Hirte auf seine Herde achte, so herrsche der moderne Staat nicht mehr durch Zwang und Gewalt, sondern durch Fürsorge. Die verinnerlichte Sorge der Menschen um sich selbst werde dabei über kurz oder lang zum Herrschaftsinstrument: Die Schäfchen brechen aus freien Stücken nicht mehr aus der Herde aus. Die selbstdisziplinierte Schafherde mag ein Wunschtraum für Corona-Zeiten sein. Aber danach? Werden die Übertretung, das Verruchte und Unbotmäßige in Post-Corona-Zeiten überhaupt noch eine Chance haben? Können sie wieder in ihr Recht gesetzt werden, ohne radikalen Demokratiefeind*innen und verwirrten Esoterikern als Steigbügel zu dienen?



© Bayern 2, Nachtstudio, 9.3.2021

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