Anna B Savage „A Common Turn“ Singt mehr über Cunnilingus! Von Lars Fleischmann

Die junge Londoner Künstlerin Anna B Savage singt über weibliche Lust. Das klingt schon mal hoch theatralisch, überzeugen kann sie mit ihrem Humor. Der Cunnilingus; für so man­che*n soll schon das Wort selbst ein Zungenbrecher sein. 

Sein Pendant, die Fellatio, hat durchaus einen Platz in der Kulturgeschichte – denken wir nur an die Legionen von Rappern, die diese Technik immer wieder lauthals thematisieren. Indes wird die orale Befriedigung von Frauen nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Während es im HipHop längst zum guten Ton gehört von „sucking“, vom „Blowjob“ zu erzählen, wird der Spieß vergleichsweise selten umgedreht.

Die junge Londoner Künstlerin Anna B Savage dreht Cohens männliche Perspektive um. Ihre Version der Geschichte heißt „Chelsea Hotel #3“, hier spielt ebenso ein ungemachtes Bett eine Rolle. Der Cohen-Song selbst wird zum Utensil: Er läuft im Nebenzimmer während des Oralsex.

Eine platte Referenz? Durch den Rollentausch allein möchte sich Savage nicht profilieren, auch wenn sie Cohen damit eine ironische Referenz erweist. Sie schiebt geschickt eine eigene und eigenständige Geschichte an: Ein Songtext über verkümmerte und unterdrückte Sexualität, Phallogozentrismus und der späten Einsicht, wie gut Orgasmen sein können. „A Common Turn“, ihr Debüt, ist ein Popalbum, das immer wieder in die Gefilde von Angst und Scham, von Selbstentwertung und freudianischer Libido-Destrudo-Verschränkung abtaucht.

© TAZ, Kultur, Musik, 23.2.2021

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