Ein Wissenschaftler erinnert sich an seine Kindheit. An ein Kamerun, das keine Nation, nur eine Ex-Kolonie war: „Dezember. Jede Nacht senkte sich der Nebel über den Busch, am frühen Morgen waren die Wege durchnässt, leckgeschlagenen Schiffen ähnlich, die ans Ufer gezogen werden mussten. Der Nebel kündigte Weihnachten an, den nächsten Abschnitt des christlichen Kalenders, denn für viele Dorfbewohner waren die verführerischen christlichen Überlieferungen spätestens seit den 1930er Jahren zu einem Labyrinth von Möglichkeiten geworden, durch das der Horizont wieder in die Reichweite unserer Köpfe gerückt wurde.“

Von Achilles Mbembe
Aus dem Französischen von Christine Pries

Achille Mbembe tastet sich zurück: Wie kommt es, dass ein Kind aus einem Dorf zu einem berühmten Kritiker kolonialen Denkens wird? Das Kind, das die fremden christlichen Motive in die Geisterwelt seiner Ahnen einzubeziehen lernt. Der Erwachsene, der weiß, nicht einfach Afrikaner sein zu können, sondern immer auch ein Afrikaner, der sich befreien musste.
Mbembe zeichnet seinen intellektuellen Lebensweg nach – nach Stationen in Paris und New York lehrt er heute in Johannesburg. Wie er New York als Metropole erlebte, in der viele Kulturen nebeneinander existierten. Wie er lernte, das westliche Denken zu benutzen, um die Herrschaft des weißen westlichen Denkens zu kritisieren. Sein Ziel: die Schaffung einer afrikanischen Kultur, die weder verdrängt noch verdammt, sondern „sich bemüht, den Siegern ebenso viel Platz einzuräumen wie den Besiegten“.
Der Text ist dem Buch „Ausgang aus der langen Nacht“ entnommen, das bei Suhrkamp erschienen ist.

„Die südafrikanische Erfahrung zeigt, dass die Aufforderung, „aufzustehen und zu gehen“ – die Entkolonialisierung –, an alle gerichtet ist, Feinde und Unterdrückte von gestern. Wenn man glaubt, dass es genügt, den Kolonisten zu töten und seinen Platz einzunehmen, um wieder ein wechselseitiges Verhältnis herzustellen, ist das eine Pseudobefreiung. Dank Südafrika können wir über das nachdenken, was gemäß der Politik der Rache den Kain-Komplex lediglich wiederholt.“

Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht

 

„Ausgang aus der langen Nacht“ Von Achille Mbembe
Aus dem Französischen von Christine Pries

Mit Stefan Merki
Regie: Martin Zeyn
BR 2017, 56‘07

Der Text ist dem Buch „Ausgang aus der langen Nacht“ entnommen, das bei Suhrkamp erschienen ist.
Die Produktion steht nach Sendung 7 Tage zum Nachhören und Download bereit.

© Bayern 2, Nachtstudio, 21.3.2016

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