Da liegt sie vor uns, Venedig, diese Stadt „aus Pracht und Moder“, die umhüllt ist von ihrem eigenen Mythos, gefangen in ihrer Geschichte als einstiger Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident. Unendlich oft beschrieben und besungen, wird sie heute überrannt von Touristen, die die Kunstschätze der Lagunenstadt bestaunen oder einfach nur einen weiteren Ort auf ihrer Liste der Sehenswürdigkeiten abhaken.

Von Harry Lachner

Doch mit dem Besuch tritt man ein in ein undurchschaubares Gewirr aus Gassen und Kanälen – und wie im antiken griechischen Labyrinth droht auch hier ein abruptes Lebensende. Kann man diese Stadt denken ohne Thomas Manns „Tod in Venedig“? Ohne die Trauergondeln des Films „Don’t Look Now“ oder die Romane von Ian McEwan und Peter Rosei, in denen sich der Verfall der Stadt, ihr drohender Untergang im Schicksal der Protagonisten spiegelt? Das vom Leichentuch des winterlichen Nebels eingehüllte Venedig erscheint als ein Ort des Unheimlichen und Irrealen, ein Labyrinth aus bröckelndem Stein und brackigem Wasser. Venedig ist eine imaginäre Stadt.

 

 

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© SWR 2, Musikpassagen, 3.6.2018

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