1978. Keine Zeitenwende, keine Jahrestag-Ikone. Harry Lachner blickt zurück auf ein Jahr mit einem Sektenmassenmord, einem Kongress der Alternativkultur, auf dem die taz gegründet wurde und den Foucault besuchte, sowie auf die kurze Flamme von Punk.

Zwei Jahre zuvor hatte sich die Subkultur am Schockpotential der Punk-Bewegung erfreut. Doch was als aufbrausender Widerstand gegen eine durchkommerzialisierte Pop-Industrie begann, fand sich 1978 bereits eingehegt in die Mechanismen der Vermarktung. Mit der Geburt des ersten Retortenbabys fand sich die alte Gewissheit über den menschlichen Reproduktionsvorgang desavouiert; das Bild hunderter Leichen nach dem Massenselbstmord in Jonestown relativierte das Erlösungsversprechen jeder religiösen und esoterischen Praxis. Die Selbstgewissheiten jeder Form eines politischen Dogmatismus fanden sich nach dem „Deutschen Herbst“ erschüttert; Paranoiker im Untergrund wie im Staat brauchten noch ein paar Jahre, um nachzuziehen. Doch gebar just diese Sphäre bleierner Desillusionierung neue Formen alternativer Strategien: Beim „Treffen in TUNIX“ an der Berliner TU formten sich Gruppierungen, die politische Praxis anders definierten – undogmatisch, spontaneistisch, nomadisch. Die Gründung einer unabhängigen „tageszeitung“ wurde initiiert, Schwulen- und Lesbengruppen gegründet, ökologische Fragen diskutiert. Es war, wie einer der 15.000 Beteiligten sich erinnerte, „die Geburtsstunde der Alternativbewegung“.

 

 

© Bayern 2, Nachtstudio, 21.5.2018

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