Henning Bolte Review: MAARJA NUUT: Une Meeles

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Die quicklebendige vokale Musiktradition des Regilaul in Estland, gemeinsame Grundlage für Musiker aller Sparten in diesem baltischen Land, gebiert fortwährend faszinierende neue kreative Varianten. Eine davon hat in der Musik der jungen Geigerin Maarja Nuut eine besondere Form angenommen. In ihrer gleichzeitig radikal reduzierten wie mehrdimensionalen Gestaltung öffnen sich dem Zuhörer tiefere Bewusstseinsschichten, die das Magische der uralten Gesänge ahnen lassen und auf neue, bewegende Weise erlebbar machen. Es sind tranceartige Gesänge mit stark rhythmisierter und zyklisch sich wiederholender Motivik. Nuut erschafft mittels Drones sowie ingeniöser subtiler Schichtung und Überlagerungen ihrer gesampelte Stimme und Geige von raunenden und tanzenden Geistern erfüllte Zwischenwelten voller magischer, beschwörender und mitunter grausamer Geschichten. Sie sind auch als vielstimmige Traumwelten erlebbar wie der Albumtitel Une Meeles, im Traumraum(griff), angibt. Dabei wird keineswegs in bauschigem Raumschall geschwelgt. Es sind vielmehr die trockene Einfachheit, das ingeniöse Arrangement der Überlagerungen und die sparsame wie subtile klangliche und rhythmische Ausgestaltung, die hier zusammen die Magie ausmachen. Die Musik ist aus dem Geist der Ergreifung des Moments sowie des Ergriffenseins im Moment geschaffen. Oder wie Nuut selbst sagt, aus einem lebendigen entspannten Zustand heraus, aus dem die Katze zum Sprung ansetzt. Was Nuut macht, ist wesentlich mehr als nur die archaischen Quellen in ein heutiges Idiom zu „übersetzen“. Ihr ist es nicht nur gegeben, mit ihrer Imaginationskraft magische Bereiche tief zu ergründen. Sie kann sie auch mit Hilfe zusammenwirkender Ausdrucksmittel tiefergreifend für den Zuhörer wirken lassen. Mit dieser Fähigkeit des Verwandelns und Wanderns tritt sie in die Fuβstapfen von Iva Bittova und Laurie Anderson und übersteigt damit die gängigen Einteilungen. In ihren live-Auftritten erfährt das durch die Ausdrucksmittel Licht, Bewegung (Tanz) und Film noch eine ungeahnte Steigerung.

Henning Bolte

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